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Billigimplantate : Gefährliche Brüste

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Im Juni 2011 hat Mas zusammen mit seinen Kindern in eine neue Firma, France Implant Technologie, investiert. Mas’ Anwalt hat zugegeben, dass Mas für die von seiner Firma benutzte Silikonmischung keine Zulassung besaß. PIP verwandte billiges Industriesilikon anstatt des vorgeschriebenen Medizingels. „Es war ein kapitalistisches Vorgehen, so ist das nun einmal“, sagte Mas’ Anwalt Yves Haddad. Die Firmenleitung von PIP wusste spätestens seit 2005, dass ihre Ware nicht nur schadhaft war, sondern auch, dass es erste Klagen von plastischen Chirurgen über die Minderwertigkeit der Implantate gab. Jean-Claude Mas nahm das allerdings in Kauf. In einem internen Schreiben aus dem Jahr 2006 heißt es: „Der Umsatz ist wichtiger als der Zustand der Hüllen.“

Mit großer krimineller Energie

Noch bis zum April 2010 wurden die PIP-Implantate weiterhin Frauen auf der ganzen Welt eingesetzt. Insgesamt könnten es mehr als 300.000 und bis zu einer halben Million sein. Mehr als 80Prozent der künstlichen Kissen hat das Unternehmen ins Ausland exportiert. In Brasilien ist die Rede von 25.000, in Frankreich von 30.000 Betroffenen, in Großbritannien sollen es sogar bis zu 50.000 Frauen sein. Hunderte klagen über Risse. In Frankreich waren bis Ende des Jahres 20 Frauen an Krebs erkrankt, die Brustimplantate eingesetzt bekommen hatten. Ein Zusammenhang wird befürchtet.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind in Deutschland bislang 25 Fälle von beschädigten PIP-Implantaten bekannt. Wie viele der umstrittene Kissen in Deutschland eingesetzt wurden, wird noch von den Landesbehörden geprüft. Laut BfArM ist anzunehmen, dass wesentlich weniger Frauen betroffen seien als in Frankreich oder Großbritannien.

Nur die „Produktdokumentation der Implantate“ geprüft

Bei einer der größten deutschen Fachkanzleien für Patientenrecht, der Patientenanwalt AG Zierhut Graf, hat sich erst eine Frau gemeldet. Sammelklagen bei Material- oder Produkthaftungsfällen seien in Deutschland ohnehin nicht möglich, sagt Michael Graf, einer der Gründer der Kanzlei. Nach seinen Worten könnte der Zulieferer Brenntag durchaus wegen fahrlässigen Verhaltens haftbar gemacht werden. Immerhin habe der Chemikalienhändler eine Substanz über Jahre und in großen Mengen an ein Unternehmen geliefert, die für Brustimplantate ungeeignet war. Selbst wenn Brenntag darauf hinweist, dass dieses Silikon nicht für Implantate geeignet ist, so habe es das Material doch wissentlich in Verkehr gebracht. Graf sieht möglicherweise auch die Ärzte und Kliniken in der Verantwortung.

Das allerdings bezweifelt Rudolf Ratzel, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Medizinrecht des Deutschen Anwaltsvereins. Immerhin hatten die Brustimplantate die von der EU vorgesehene CE-Kennzeichnung, und zwar der Gruppe drei für Medizinprodukte, was der höchsten Sicherheitsstufe entspricht. Diese Qualität hatte der TÜV Rheinland geprüft und bestätigt. Auf diese Kennzeichnung müsse sich ein Arzt oder eine Klinik, solange er keine anderen Informationen bekomme, verlassen können. Der TÜV Rheinland wiederum habe keine Produktprüfung im eigentlichen Sinne vorgenommen. Er habe offenbar nur, wie selbst angegeben, die „Produktdokumentation der Implantate“ geprüft, in denen es keine Angaben über Änderungen beim Silikon gab. Die deutschen Sachverständigen wurden demnach getäuscht und ebenfalls betrogen.

Ratzel glaubt ebenfalls, dass es wenig Sinn hat, sich der Sammelklage in Frankreich anzuschließen. Diese sei wohl eher politisch motiviert. Da das Unternehmen PIP insolvent ist, sei dort kaum etwas zu holen. Da der Besitzer nachweislich mit großer krimineller Energie zu Werke gegangen ist, sei ihm Vorsatz zu unterstellen. Und bei Vorsatz zahlten auch nicht die haftenden Versicherungen - in diesem Fall die Allianz. Der Versicherer hatte den Insolvenzverwalter von PIP deshalb bereits im Juli 2010 verklagt. Die erste Anhörung findet am 2. Februar statt.

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