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Billigimplantate : Gefährliche Brüste

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Zum Einsatz kam ein billigeres Industriesilikon, das unter anderem als Dichtungsmasse in der Baubranche verwendet wird. In einem Brustimplantat lässt es hingegen die Hülle leichter reißen. Dieses Material („Baysilone“) lieferte der international tätige deutsche Chemikalienhändler Brenntag aus Mülheim an der Ruhr. Insgesamt handelte es sich zwischen 2001 und Januar 2010 um viele Tonnen Silikonöl. Das Unternehmen Brenntag, das auf der ganzen Welt 12.000 Mitarbeiter beschäftigt, sieht keine eigenen Fehler. Die Silikonöle, die Brenntag an PIP geliefert habe, seien ein Standardprodukt für viele verschiedene Anwendungsbereiche, sagt Unternehmenssprecher Hubertus Spethmann. In der Gesundheitstechnik seien Silikonöle zum Beispiel Bestandteile in Kissen und Matratzen, in Produktionsprozessen dienten sie als Trennmittel und Antihaftbeschichtung.

Nicht für Brüste geeignet

Die Körperpflegebranche setze sie in Hautcremes und Shampoos ein. „Die Silikonöle sind aber nicht für die Verwendung in Brustimplantaten geeignet“, sagt Spethmann. Brenntag stelle sicher, dass Kunden sämtliche notwendigen Sicherheitsdatenblätter und die relevanten technischen Spezifikationen und Informationen erhalten. „In unseren Auftragsbestätigungen wurde klar darauf hingewiesen, dass die Produkte ausschließlich für industrielle Zwecke inklusive Körperpflegeprodukte genutzt werden dürfen.“ Brenntag fordere seine Kunden zudem auf, sich zu vergewissern, dass die gelieferten Chemikalien den Anforderungen an das Endprodukt entsprächen.

Im April 2010 gab es bereits Dutzende Beschwerden in Frankreich, dass PIP-Implantate gerissen waren. Die französischen Gesundheitsbehörden ignorierten alle Beschwerden von Chirurgen und Warnungen aus dem Ausland. Jetzt spricht sich Gesundheitsminister Xavier Bertrand für eine parlamentarische Untersuchungskommission aus. Diese soll klären, warum PIP defekte Silikon-Brustimplantate vertreiben konnte, ohne dass es den französischen Behörden auffiel. Bertrand ordnete auch interne Untersuchungen in der staatlichen Kontrollbehörde Afssaps und in der Generaldirektion Gesundheit (DGS) an. Nach dem heutigen Informationsstand gebe es „kaum mehr einen Zweifel, dass die Brustimplantate der Firma PIP mit nichtzulässigen Mitteln gefüllt waren“, sagte Bertrand. Er plädiert dafür, die Zulassungsbedingungen für medizinische Produkte wie Prothesen und Implantate zu verschärfen. Es müsse auch unangekündigte Kontrollen bei den Herstellern geben. In Frankreich richtet sich die Kritik auch gegen den TÜV Rheinland, der jahrelang die Implantate der Firma PIP für den europäischen Markt mit dem Zertifikat CE zuließ. Der TÜV Rheinland reichte im Februar 2011 wegen fortgesetzten Betrugs Strafanzeige gegen PIP ein.

„Es war ein kapitalistisches Vorgehen“

Jean-Claude Mas, der 72 Jahre alte Gründer des im März 2010 in Konkurs gegangenen und inzwischen abgewickelten Unternehmens, ist ein ehemaliger Handelsvertreter für Wurst, Cognac, Wein und Medizinprodukte. Die Staatsanwaltschaft in Marseille hat gegen Mas Vorermittlungen eingeleitet und ihn zweimal verhört. Die staatliche Krankenversicherung hat Klage wegen schweren Betrugs und vorsätzlicher Körperverletzung gegen ihn erstattet. Der französische Justiz liegen auch 2400 Klagen von betroffenen Frauen vor. Mas hat über seinen Anwalt abgestritten, fahrlässig gehandelt zu haben. Die von seiner Firma produzierten Silikonkissen seien genauso sicher gewesen wie die der Konkurrenz.

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