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Bibliotherapie : Düstere Geschichten helfen Depressiven

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Lesen kann man überall. Als therapeutisches Mittel ist es in Deutschland bisher eher unbekannt. Bild: dpa

Literatur wirkt wie Medizin. Dieser Idee ist die Kritikerin Andrea Gerk gefolgt und fand heraus. Ein Gespräch über die heilende Kraft von Romanen.

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          Frau Gerk, gehen Sie gerne in Buchhandlungen?

          Sehr gerne, auch in Bibliotheken. Am liebsten sind mir Autorenbuchhandlungen. Wenn ich dort hinkomme und zu dem Buchhändler sage: „Ich stecke in der Midlife-Krise“, sollte er mir zwei, drei gute Bücher empfehlen können. Der Buchhändler ist der Bibliotherapeut in Urform. Figuren, die sich lesend heilen - ein Riesentopos in der Literatur selbst.

          An welche Beispiele denken Sie?

          Das fängt bei David Copperfield an, der von seinem Stiefvater misshandelt wird und dann eine Bücherkiste auf dem Dachboden findet. Er erklärt: Wenn ich diese Bücher nicht gehabt hätte, wer weiß, was passiert wäre. Und es geht bis zu „Sommer ohne Männer“ von Siri Hustvedt, einer amerikanischen Schriftstellerin: Das Buch ist voll von solchen Momenten, etwa wenn alte Damen im Seniorenheim in ihrem Lesezirkel über Jane Austens Roman „Verführung“ auf ihre eigenen, unerfüllt gebliebenen Wünsche und verpatzten Lebenschancen zu sprechen kommen. Das nimmt ihnen etwas von dem Schmerz, den sie seit Jahrzehnten mit sich herumtragen.

          Sie haben ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie heilsam Literatur wirken kann. Kann ich beim Buchhändler auch was gegen Schnupfen bekommen?

          Es ist nicht wie in der Apotheke, wo es Mittelchen gegen jedes Leid gibt. Literatur wirkt individuell, das Heilende wird durch das Lesen selbst in Gang gesetzt. Manchmal reicht es ja schon, sich mit einem Buch auf die Couch zu legen. Zum ersten Mal hörte ich von Bibliotherapie, als mir eine Freundin erzählte, sie mache eine solche Ausbildung. Natürlich war mir klar, dass Literatur eine Wirkung hat - aber dass man das auch so gezielt einsetzt, war mir neu.

          Was genau ist Bibliotherapie?

          Es ist eine Therapieform, die sich aufs Lesen stützt und sich die Kraft der gestalteten Sprache und der Geschichten zunutze macht. Das kann ein Gedicht, ein Roman oder eine Liebesgeschichte sein. Es ist das Lesen und das, was beim Lesen oder beim Hören von Geschichten passiert, was den therapeutischen Prozess in Gang setzt.

          Wie muss man sich die Wirkung von Büchern als Therapie vorstellen?

          Die schon erwähnte amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hat beispielsweise zweieinhalb Jahre Schreibkurse in einer Psychiatrie gegeben. Sie erzählte mir, dass viele der depressiven Patienten auf besonders düstere Texte gut ansprachen. Ein Psychologe bestätigte mir: Bei Depressionen wäre ein fröhliches Frühlingsgedicht viel zu weit weg. Aber Suizidgedichte sollte man wohl auch nicht lesen in diesem Fall.

          Also Finger weg vom „Werther“. Als er erschien, gab es wohl eine Suizidwelle - und neben den Toten lag Goethes Buch.

          Ja, Texte können manipulativ sein. Wobei umstritten ist, ob die Selbstmorde am Buch lagen. Der „Werther“ war zu der Zeit einfach populär, viele hatten ihn. Trotz der unklaren Beweislage: eine gute Story.

          Auch dank Goethe halten wir uns für das Land der Dichter und Denker. Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet bei uns, trotz steigender Buchverkäufe, die Bibliotherapie so unbekannt ist?

          Das habe ich den Direktor des Sigmund-Freud-Instituts auch gefragt. Seiner Meinung nach liegt das an den strengen Psychotherapiegesetzen hier in Deutschland. Und ich vermute, viele denken auch: Da sitzen ein paar Esoteriker in Filzkutten mit Büchern rum. Dabei ist es eine Form der Kreativtherapie, die letztlich ähnlich funktioniert wie Mal- oder Tanztherapie. In Großbritannien oder Amerika wird Bibliotherapie flächendeckend eingesetzt, in Kinderheimen, Kliniken, Altenheimen oder Gefängnissen. Im Strafvollzug gibt es einen eigenen Kanon, Delinquenten bekommen bestimmte Bücher verordnet. Das setzt offenbar wirklich Dinge in Gang.

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