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Bibliotherapie : Düstere Geschichten helfen Depressiven

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Vielleicht, ja. Der Schriftsteller Tilman Rammstedt sagt sich in Krisensituationen das ellenlange Gedicht „The Lovesong of J. Alfred Prufrock“ von T.S. Eliot vor - auswendig. Der Klang, die Wiederholungen beruhigen. Die Wirkung kennt man auch von religiösen Texten.

Im Gottesdienst geraten so alle regelrecht in Trance. Waren Sie nicht auch in Lesegruppen, in denen laut gelesen wurde?

Ja, die haben mich beeindruckt, weil das Prinzip so unglaublich schlicht ist: Anders als in gängigen Lesezirkeln liest man hier laut Texte von Autoren vor und spricht direkt darüber. Literatur ist eine Anleitung zur Selbstheilung - wenn man das will.

Klingt nach Gruppentherapie.

Das kann es sein. In einer der Lesegruppen in Liverpool, an der ich teilnahm, sagte mir eine Frau, sie sei stark depressiv gewesen, und dass es ihr besser gehe, liege an den Treffen. Sie meinte, weil man so langsamer und genauer lese, nehme man sich mehr Zeit, den Gefühlen nachzuspüren, die Texte auslösen. Und selbst in jener Highbrow-Lesegruppe von Fritz Senn in Zürich ...

Das ist der Leiter der James Joyce-Stiftung, die sich ganz dem irischen Schriftsteller widmet. Seit 30 Jahren trifft sich dort eine Gruppe, die ausschließlich sein Werk „Finnegans Wake“ liest. Für einen Durchgang brauchen sie elf Jahre.

Die machen die elaboriertesten Textarbeit, die man sich nur vorstellen kann, und da heißt es: Was wir hier machen, hat was von Psychotherapie. Billiger ist es allemal. Sie nehmen Texte zum Anlass, um mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.

Platt gesagt, ist der Effekt von Bibliotherapie also: Lesen als Eskapismus?

Absolut. Das war auch mein Ausgangspunkt. Wenn ich beruflich lese, lese ich in einer anderen Körperhaltung, am Schreibtisch, weil ich sonst quasi ins Buch versinke. Zum Vergnügen lümmele ich mich in die Couch oder in einen Sessel, mir geht es darum, in eine andere Welt, in eine andere Atmosphäre abzutauchen.

Wie wichtig ist die Präsenz von Büchern fürs Wohlbefinden?

Ich glaube, dass das ein wichtiger Faktor ist. Bei mir liegen immer zwei Bücherstapel rum: ein pragmatischer und einer für die Sehnsucht. Bei dem ich denke: Ach, wenn ich jetzt nur Zeit hätte, das zu lesen, mich in dieses berauschende Gefühl fallenzulassen! Das ist schon eine Form von Urlaub. Ich lese lieber im Alltag, da spüre ich die heilende Wirkung sofort.

Funktioniert das auch mit E-Books? Fürs Einschlafen sollen sie ja keine gute Wirkung haben.

Ja, das soll an dem Licht der Lesegeräte liegen. Ich selbst lese zwar keine E-Books, mir sind die handfesten lieber. Aber ich bin überzeugt, man kann sich auch mit den Geräten auf Texte einlassen.

Derzeit ist es als Selbstexperiment populär, möglichst viele Bücher in kurzer Zeit zu lesen: Selbst der Schriftsteller Nick Hornby schrieb darüber, nun kündigte Facebook-Chef Mark Zuckerberg an, alle zwei Wochen ein Buch zu lesen. Woher kommt dieser Trend?

Das ist der Manufactum-Effekt: Nehmen Sie die Achtsamkeitsseminare, für die Leute viel Geld ausgeben. Dort wird gelehrt, wie ich achtsam mit meiner Umwelt umgehe, wie ich mich in eine einzige Tätigkeit versenke und an nichts anderes denke. Dabei kann ich diesen meditativen Flow auch ganz einfach bekommen: beim Lesen.

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