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Bibliotherapie : Düstere Geschichten helfen Depressiven

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Grundlage des Ganzen ist die These, dass Worte körperlich wirken. Ist das wirklich so?

Auch wenn die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse noch reichlich spekulativ sind, eines scheint sicher: Bei der Gesprächstherapie aktiviert der Patient offenbar Teile des Gehirns - den bilateralen präfrontalen Cortex, also den sogenannten Exekutivteil des Gehirns -, der hilft, Angst herunterzureden, Gefühle zu regulieren und zu dämpfen. Womöglich passiert beim Lesen genau das - übrigens genau wie beim Placebo-Effekt.

Sie haben sich sogar in ein MRT gelegt und sich Eichendorff-Gedichte vorlesen lassen. Was hat man gesehen?

Lauter tolle rote Punkte, die gezeigt haben, welche Areale in dem Moment aktiv sind. Das sind Hirnareale, die generell an emotionalen Erfahrungen beteiligt sind, eine Art emotionales Netzwerk. Aber ob die Gefühle vom Text oder der Erinnerung ausgelöst wurden, kann keiner sagen, auch die Forscher nicht. Der Leiter des Berliner Forschungskollegs „Language of Emotion“ schlug mir vor, an einem der Versuche teilzunehmen. Eichendorff war vorgegeben, ich brachte Ingeborg Bachmanns „Erklär mir, Liebe“ mit und „Himbeerranken“ von Günter Eich - beide sind bei mir stark emotional besetzt, Jugenderinnerungen. In anderen Versuchen misst man übrigens so etwas wie Pupillengröße, Herzschlag oder Hautleitwiderstand - daran lässt sich ablesen, inwiefern einzelne Wörter emotionale Reaktionen in Körper und Gehirn auslösen. Es ist etwa belegt, dass negative Wörter die Pupille verengen und positive sie eher erweitern.

Bei solchen Versuchen entstand eine Liste mit Worten, deren Wirkung im Hirn nachgewiesen ist: 2000 Substantive, 300 Adjektive, 500 Verben. Negativ besetzte wie „Giftgas“ oder „foltern“ und positive Wörter wie „Freiheit“ und „brillant“. Könnte man daraus Geschichten für bestimmte Leiden stricken?

Könnte man versuchen. Aber ob man merkt, dass es auf Effekt hin geschrieben ist? Diese ganze Wohlfühlliteratur, Frauenromane wie Jahreszeitenkalender, arbeitet ja mit diesem Vokabular. Alles voller schöner Sonnenuntergänge. Sperriges taucht nicht auf.

Na ja: Die Sprache von Groschenheftchen ist so hölzern, dass erst gar nichts evoziert wird. Aber derlei steht auch auf der Bestsellerliste. Was sagt uns das über den Zustand der Leserschaft?

Die meisten suchen sicher nach BANTWORT: estätigung ihrer Sehnsüchte in der Literatur. Ein geübter Leser braucht vielleicht eher etwas, das ihn von eingefahrenen Strukturen wegbringt. Ich lese etwa Peter Kurzeck auch deswegen so gern, weil er mich immer nervt und aus der Ruhe bringt. Man muss den Leuten beibringen, dass auch das eine wohltuende Qualität hat.

Lesen Sie jetzt, nach der Recherche, anders?

Mir fällt stärker auf, zu welchen Büchern ich greife. Letzte Woche dachte ich: Ich hätte total Lust, mal wieder was von Alice Munro zu lesen. Ich war in letzter Zeit ein bisschen aufgeregt und dachte, dass mich das beruhigen würde. Plötzlich hatte ich wieder den Ton dieser Texte im Kopf.

Und?

Es hat tatsächlich gewirkt. Der Rhythmus, der Klangfaktor ist enorm wichtig. Neurowissenschaftlich erwiesen ist, dass wir, auch wenn wir still lesen, die Worte hören. Als hätte man einen kleinen Mann im Ohr, der einem die ganze Zeit die Texte vorliest. Vielleicht sind die Dichter in diesem Sinne wirklich Sänger in finsteren Wäldern.

Wer einen Ruhepuls braucht, muss also Thomas Mann lesen wegen all seiner Ellipsen?

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