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Bezahlte Mediziner? : „Ärzte sind sehr anfällig für Manipulationen“

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Welche Pille soll es sein? Der Einfluss der Industrie auf die Verschreibepraxis der Mediziner wird seit Jahren kritisiert. Bild: dpa

Deutsche Pharmafirmen haben jetzt offengelegt, wofür sie Mediziner bezahlen. Der Neurologe Fahmy Aboulenein erklärt, wie es auch ohne Geld von der Industrie geht.

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          Hans-Christoph Diener ist ein gefragter Mann. Er hat lange die Klinik für Neurologie am Universitätskrankenhaus in Essen geleitet, ist dort jetzt Seniorprofessor, und wenn jemand in Deutschland etwas über Multiple Sklerose oder Migräne wissen will, dann wird er irgendwann auf den häufig zitierten Arzt stoßen.

          Auch bei den Pharmaunternehmen ist Hans-Christoph Diener ein gefragter Mann: Mehr als 200.000 Euro hat er 2015 von den Arzneimittelherstellern bekommen. Diener ist damit Spitzenverdiener unter deutschen Ärzten – zumindest unter den gut 20.000, bei denen jetzt bekannt ist, wie viel Geld sie von den Pharmafirmen für Vorträge, Expertenmeinungen und Studien bekommen. Veröffentlicht haben das die Pharmaunternehmen selbst, genauer: 54 von ihnen, die zusammen 75 Prozent des deutschen Medikamentenmarktes abdecken. 2015 haben sie demnach 575 Millionen Euro an Ärzte und Kliniken überwiesen. Der Großteil des Geldes floss in die Forschung, 21 Prozent an Ärzte. Dass jeder leicht recherchieren kann, welcher Arzt wie viel bekommen hat, ist allerdings nicht den Herstellern zu verdanken: Das Recherchezentrum „Correctiv“ hat die einzelnen Transparenzberichte der Firmen in einer Datenbank verarbeitet und kürzlich online gestellt.

          Bei Diener, dem Arzt aus Essen, ist schon länger bekannt, dass er viel Geld von der Industrie bekommt. Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, und er fühlt sich nach eigenen Worten weiter unabhängig. Einer seiner Kollegen jedoch, der Neurologe Fahmy Aboulenein, hält das für Quatsch. Der weltweit anerkannte Experte für Multiple Sklerose sollte von der Pharmaindustrie als sogenannter Meinungsbildner aufgebaut werden, hat aber stattdessen ein Buch geschrieben. Seine Botschaft: Kein Arzt sollte Geld von Arzneimittelfirmen annehmen.

          Herr Aboulenein, die Pharmaunternehmen veröffentlichen doch jetzt, wie viel Geld sie Ärzten und Kliniken zahlen und wofür. Ist Ihre Kritik damit überflüssig?

          Nein, überhaupt nicht. Für mich ist das eine Pseudotransparenz. Man muss sich mühsam zusammensuchen, wer was wofür bekommen hat – und die Information ist noch nicht einmal vollständig. Der Gesetzgeber selbst sollte ein Transparenzregister führen, in das die Firmen die Gelder eintragen müssen – und in dem die Namen aller Ärzte stehen, die etwas bekommen haben.

          Dr. Fahmy Aboulenein arbeitet als Neurologe in Wien und ist international anerkannter Experte für Multiple Sklerose. Sein Buch „Die Pharma-Falle“ ist gerade bei Edition a erschienen; 224 S., 21,90 Euro.
          Dr. Fahmy Aboulenein arbeitet als Neurologe in Wien und ist international anerkannter Experte für Multiple Sklerose. Sein Buch „Die Pharma-Falle“ ist gerade bei Edition a erschienen; 224 S., 21,90 Euro. : Bild: Verlag

          Gutes Stichwort: Nur ein Drittel der Ärzte hat der Nennung ihrer Namen in den Transparenzberichten zugestimmt. Ist die böse Pharmaindustrie da nicht der falsche Gegner?

          Sowieso. Die Firmen schöpfen nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen aus. Das Hauptproblem ist, dass die Industrie und die Ärzte zu sehr verflochten sind. Da ist in den vergangenen Jahrzehnten ein System entstanden, das zu einem fehlenden Unrechtsbewusstsein bei den Ärzten führt, die Zuwendungen bekommen. Aber ich verstehe ganz grundsätzlich nicht, warum überhaupt irgendein Arzt von irgendeinem Unternehmen Geld bekommen sollte.

          Warum sollte das ein Problem sein  echte Transparenz vorausgesetzt?

          Weil die Ärzte ganz wesentliche Entscheidungsträger sind. Sie entscheiden, welches Präparat sie verschreiben – meistens gibt es mehrere Möglichkeiten. Sicherlich, Ärzte sind Akademiker und glauben immer, frei entscheiden zu können. In Wirklichkeit bedeutet aber gerade das, dass sie extrem anfällig sind für Manipulationen. Jeder, der ehrlich ist und in sich hineinhört, der weiß: Bei mehreren tausend oder gar Zehntausenden Euro im Jahr kann man nicht mehr frei entscheiden, und sei es nur unbewusst. Ganz problematisch wird es, wenn Experten Behandlungsleitlinien erstellen, die dann für Hunderttausende Kollegen weltweit gelten und Auswirkungen auf Millionen Patienten haben. Diese Experten dürften überhaupt kein Geld von der Industrie bekommen.

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