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„Chest Pain Units“ : Herz an Herz

  • -Aktualisiert am

Aktuell gibt es in Deutschland knapp 270 zertifizierte CPUs. Bild: F.A.Z.

Auch dank der schnellen Versorgung in „Chest Pain Units“ sinkt die Zahl der Menschen, die in Deutschland an einem Herzinfarkt sterben. Ein Besuch in einer kardiologischen Notaufnahme.

          Eigentlich fühlte sich Ioannis Theodoridis prima, wäre da nicht dieser Husten gewesen. Seit Wochen hielt dieser sich so hartnäckig, dass der Grieche sogar ohne seine Frau eher aus dem Urlaub in seiner alten Heimat nach München zurückkehrte, um zum Lungenarzt zu gehen – und kaum die drei Stockwerke hoch zur Praxis schaffte, so schlecht bekam er Luft. Weil auch seine Brust schmerzte, machte der Lungenarzt ein EKG vom Herzen, dessen Ergebnis so miserabel war, dass er ihn umgehend zum Kardiologen überwies. Dieser sagte beim Blick auf die Herzaktivität des 72-Jährigen, wie Theodoridis erzählt, mit ernster Miene: „Die Situation ist sehr gefährlich!“ Dann schickte er ihn sofort in die Chest Pain Unit (CPU) am Deutschen Herzzentrum in München.

          Seit einigen Stunden ist Theodoridis nun Patient der kardiologischen Notaufnahme. Sehr schmal sieht er aus, wie er, nur mit einem weißen Flatterhemd bekleidet, halb sitzt, halb liegt in seinem Bett im Überwachungsraum. Aus seiner linken Hand ragt eine Nadel mit Plastikverschluss; auf Brust und Körper sind mehrere Elektroden geklebt, die die elektrische Aktivität seines Herzens erfassen und als sogenannte „Herzstromkurve“ auf einem Monitor in gezackten Linien darstellen. Sein Zustand ist stabil. Trotzdem wirkt er ängstlich. „Das Ganze hat mich vollkommen unvorbereitet getroffen“, erzählt er. „So richtig kann ich immer noch nicht glauben, dass ich jetzt hier gelandet bin.“

          Wie Theodoridis werden jeden Tag etwa zehn Patienten mit Brustschmerzen in der kardiologischen Notaufnahme des Münchner Herzzentrums behandelt und landen in einem der 15 Betten. Mittlerweile gibt es deutschlandweit knapp 270 solcher zertifizierter CPUs.

          Ioannis Theodoridis teilt dieselben Schmerzen wie viele andere: jeden Tag  werden etwa zehn Patienten mit Brustschmerzen in der kardiologischen Notaufnahme des Münchner Herzzentrums behandelt.

          Sie sind so etwas wie das Äquivalent zur „Stroke Unit“, die sich als Spezialeinheit zur Behandlung von Schlaganfällen längst bewährt hat: Chest Pain Units sind spezielle diagnostische und therapeutische Einrichtungen für Patienten mit akuten Brustschmerzen. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts darf seit Anfang des Jahres die Transportzeit eines Schlaganfallpatienten zur Stroke Unit eines Krankenhauses nicht länger als 30 Minuten dauern. Auch die Chest Pain Units dienen wesentlich dazu, die Zeit von Symptombeginn bis zur Diagnose zu verkürzen.

          Mit über 300.000 Todesfällen pro Jahr sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache in Deutschland. Die Sterblichkeit des akuten Myokardinfarkts liegt bei rund 40 Prozent, wobei die allermeisten Todesfälle vor Erreichen der Klinik auftreten. Die zügige und zielgerechte Abklärung von akuten Brustschmerzen ist daher extrem wichtig.

          Ziel der CPUs ist es, rasch festzustellen, ob die Beschwerden eines Patienten tatsächlich von einer Durchblutungsstörung oder akuten Schädigung des Herzens verursacht werden, um dann die Betroffenen so schnell wie möglich zu behandeln. Kurze Wege und strukturierte Ablaufpläne machen dies möglich. So sind Chest Pain Units eine wichtige Ergänzung zu Ambulanz, Überwachungs- und Intensivstation.

          Patienten die Angst nehmen

          In der Regel bleiben die Patienten zwischen zwölf und 24 Stunden hier. Wenn nichts Schlimmeres vorliegt, auch deutlich kürzer, nicht zuletzt, weil EKG und Laborwerte innerhalb von Minuten eine verlässliche Risikoabschätzung erlauben. „Das Prinzip hat sich als sehr erfolgreich durchgesetzt, denn diese sehr spezialisierten Einheiten garantieren eine schnelle, zielgerichtete und umfassende Versorgung“, sagt Professor Heribert Schunkert, Direktor am Deutschen Herzzentrum.

          Ein weiteres wichtiges Ziel der Chest Pain Units sei, die Hemmschwelle für die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe zu senken: „Patienten können ohne Vorankündigung oder Einweisung in eine CPU gehen und dort die Ursache ihrer akuten Brustschmerzen untersuchen lassen.“

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