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Magersucht : Iss doch einfach!

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Kampf gegen sich selbst Bild: FAS

Unsere Autorin ist magersüchtig, schon mehr als ihr halbes Leben lang. Als sie sich schließlich in eine Klinik einweist, wiegt sie keine 39 Kilogramm mehr. Wochenlang muss sie im Rollstuhl sitzen – jeder Schritt könnte sie umbringen. Aber das ist nicht das Schlimmste.

          11 Min.

          Es ist kurz vor 12. Gleich wird jemand anklopfen und mich in den Speisesaal fahren – ich sitze im Rollstuhl. Nicht, weil meine Beine gelähmt sind. Sondern weil ich eine Essstörung habe. Wer bei starkem Untergewicht auch noch Sport treibt, bei dem lagert das Herz oft Wasser ein, was im schlimmsten Fall lebensgefährlich wird. Das Perfide: Wer ein gebrochenes Bein hat, spürt das und sieht seinen Gips. Wer Flüssigkeit am Herzen hat, merkt davon nichts. Denkt, er könnte Berge versetzen oder wenigstens besteigen. Dabei helfen nur Zunehmen und strenge Rollstuhlruhe.

          Aber was hat das mit mir zu tun? Gestern, vor der Abreise, bin ich noch fast drei Kilometer geschwommen. Gut, ich habe gefroren. Hatte Mühe, die Badeschlappen anzuziehen, als ich aus dem Becken gestiegen bin, so sehr habe ich gewankt. Ich musste mich an der Wand abstützen. Aber an so etwas war ich ja gewöhnt. Mehrmals in der Woche Spinningstunden, vorher eine Stunde Crosstrainer zum „Aufwärmen“, superintensives Intervalltraining an anderen Tagen, Joggen, Yoga in Form von Turboturnen.

          Shorts, um Hüften vorzutäuschen

          Dazu ein, zwei Stunden Fahrrad am Tag, egal bei welchem Wetter. Wind, Wasser, Schnee, Matsch, Eis. Kein Wind peitscht so stark wie der innere Despot. Alles geht. Sport mit Fieber – na und? Man denkt nicht mehr nach, man gehorcht. Alles läuft automatisch, Tag- und Nachtschichten. Urlaube, Wochenenden – gibt es nicht. Das Band läuft. Ich funktioniere, und dank steter Adrenalinzufuhr ziemlich gut: Höchstleistungen bei der Arbeit, ein Dutzend Aufträge bei innerer Daueranästhesie. Irre, was der Wille alles schaffen kann.

          Auch mein Verstand versteht irgendwann alles falsch: Er gaukelt mir Völlegefühl vor beim Aufwachen nach 16 Stunden Nichtessen. Er sagt, ich sei satt nach drei Nüssen, einem Keks, einer drei Millimeter dicken Brotscheibe. Ich muss mir das Essen verdienen, mit Leistung, Sport oder ausgelassenen Mahlzeiten. Der Stress fängt also schon vor dem Frühstück an. Dann geht es vor dem Kleiderschrank weiter. Jeden Tag hoffen, dass es kalt ist, damit ich es im Schichtenlook aushalte: Unter die Hose Leggins oder Strumpfhose, dazu Shorts, um Hüften vorzutäuschen.

          Unter Kleider kommen Extraröcke, gute Deckkraft für dünne Beine haben dicke Stulpen. Rollkragen, damit man den ausgezehrten Hals nicht sieht. An den Händen ist nicht viel zu machen, aber Ärmel mit engen Bündchen helfen, damit nichts schlabbert. Nur: Was anziehen im Sommer, bei 30 Grad? Lange Röcke, die das Knochigste verdecken. Keine hohen Schuhe, die strecken die dünnen Beine weiter. Wenn ich auswärts übernachte: Welches Nachthemd?

          Herausforderung „Wiederernährung“

          Jetzt, in der Klinik, muss ich mich nicht verstecken. Dafür warten hier ganz andere Herausforderungen. Es ist gut, dass ich an meinem ersten Tag noch nichts vom Bewegungsverbot für die kommenden Wochen weiß. Dass ich nur ahne, was „Wiederernährung“ heißt, mit 3300 Kalorien und fast 170 Gramm Fett jeden Tag. Und vor allem: was Entzug bedeutet.

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