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Prothesen : Muhammad und das Bein aus dem Drucker

  • -Aktualisiert am

Material ist ein Problem für tragende Teile

„Aber wenn man ein hartes Material wie Polyamid dünn druckt, dann ist es zwar flexibler, aber auch nicht mehr so stabil. Wenn man umgekehrt ein weiches Material dick druckt, ist es zwar fest, aber auch nicht mehr so anpassungsfähig“, fasst Schäfer zusammen. Vor allem für tragende Teile ist das oft ein Problem. Weil Armprothesen einer vergleichsweise geringen Last ausgesetzt sind, dürfte der 3D-Druck künftig vor allem hier immer häufiger eingesetzt werden.

Bei Beinprothesen hingegen ist es komplizierter: Ein Oberschenkelschaft muss so stabil sein, dass er einen großen Teil der Körperlast tragen kann. Vor allem bei wasserfesten Beinprothesen - die zum Duschen oder zum Schwimmen getragen werden - sei der 3D-Druck vielversprechend, meint Schäfer. Die Alltagstauglichkeit gedruckter Beinprothesen hingegen ist derzeit noch eine große Herausforderung.

Orthopädie arbeitet mit Maschinenbauern zusammen

Dass Muhammad mit seinen sechzehn Jahren bald hundert Kilo auf die Waage bringt, erleichtert die Arbeit also nicht. Bei der nächsten Anprobe ist der Spätsommer längst dem Herbst gewichen, sie findet in einem Heidelberger Industriegebiet statt. Das Sanitätshaus Mayer & Rexing, das dort seinen Sitz hat, beteiligt sich ebenfalls an der Versorgung des Jungen.

Ein Maschinenbauer von Iratec passt die Prothese nochmal an.

Seit mehreren Jahren arbeiten die Heidelberger Orthopädietechniker gemeinsam mit den Maschinenbauern von Iratec im Bereich der Entwicklung, bei Muhammads Prothese soll nun eigene und fremde Forschungserfahrung im wahrsten Sinne des Wortes zum Tragen kommen. Willem Moes hat die überarbeiteten Daten für Muhammads neuen Schaft an seine Kollegen geschickt. In einem neonerleuchteten Raum, in dem ein Dutzend Orthopädietechniker misst, feilt oder klebt, ging er diesmal in Druck.

Neue Ideen für das Material

„Der Drucker wird das Handwerk nicht ersetzen“, sagt Christian Krüger, Orthopädietechnikermeister. Damit Muhammads gedruckter Schaft seinem Gewicht auch sicher gewachsen sein wird, hat sich Krüger etwas einfallen lassen: Er hat ihn doppelwandig gedruckt und den Hohlraum mit Acrylharz gefüllt. „Am Material scheitert es also nicht“, meint Krüger.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Passt der Schaft? Muhammad trägt darunter zwar eine Art Strumpf aus Silikon, aber als er ihn anprobiert, schneidet ihn der Rand des Schafts immer noch. Christian Krüger verschwindet damit wieder in die Werkstatt, er polstert die Kante aus. Dann folgt ein neuer Versuch - diesmal sei es schon besser, meint Muhammad. Kaum ist der gedruckte Oberschenkel des Jungen mit Knie, Unterschenkel und Fuß verbunden, macht sich Muhammad auf den Weg.

Muhammad kann wieder gehen

Zunächst setzt er vorsichtig einen Fuß vor den andern, noch immer hinkend zwar und zusätzlich mit Krücken, dann aber mit immer größeren Schritten. „Er wird übermütig“, kommentiert der Orthopädietechniker. „Mach langsam“, ermahnt er ihn.

Zwei Wochen später braucht Muhammad die stützenden Krücken nicht mehr. Er sinkt nicht mehr ein, wenn er mit dem rechten Bein vorangeht, und rollt auf dem künstlichen Fuß ab, als hätte er schon immer zu ihm gehört. Was er wollte, wäre also geschafft. Er geht voran, Schritt für Schritt. Beinahe so wie andere Menschen auch.

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