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Prothesen : Muhammad und das Bein aus dem Drucker

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Moes verbrachte zehn Jahre in Krisengebieten

Ganz selbstverständlich ist seine Offenheit für den technischen Fortschritt nicht, schließlich verließ sich der Orthopädietechniker über weite Strecken seines Berufslebens hinweg ausschließlich auf das Tun seiner Hände. Wie vielen Menschen Moes in den vergangenen vier Jahrzehnten so zu einer Prothese verhalf, kann er selbst nicht so genau sagen. Zehn Jahre verbrachte er in Kriegsgebieten, er arbeitete im Kosovo und im Libanon, in Afghanistan und in Iran.

Im 3D-Drucker schichtet eine Heißklebepistole eine Schicht Kunststoff über die andere.

Verblichene Fotos, die er im Schrank der Werkstatt aufbewahrt, erzählen von diesen Aufenthalten. Moes musste miterleben, dass Soldaten, kaum hatten sie einen neuen Fuß, an die Front zurückgeholt wurden. Und damit nicht genug. „Dieser Job hat mich auch noch drei Ehen gekostet“, resümiert er. Und trotz alledem sagt Moes auch: „Es ist ein sehr schöner Beruf.“

Prothese nimmt Gestalt an

Worauf es bei einem Schaft ankommt, hat er schnell erklärt. Das Teil muss an der Leiste ausgewölbt sein und Platz für die Weichteile lassen; es darf nicht an Sitz- und Oberschenkelknochen reiben und soll von vorne ein wenig Gegendruck bieten. Dazu hatte Moes Stumpf, Muskeln und auch die Knochen ertastet und das Modell, das ihm die Software anbot, entsprechend abgeändert. Nachdem das erledigt war, schickte er die Daten ab - damit aus der digitalen Variante Wirklichkeit wird.

Aus dem Hintergrund ertönt ein leises Summen. Es ist der Beweis dafür, dass die Prothese des Jungen langsam Gestalt annimmt. Der schwarze Kasten, der leise vor sich hin brummt, erinnert an einen Backofen, ist aber tatsächlich ein 3D-Drucker. Schon seit dem Vortag ist er ununterbrochen im Einsatz. Seit zwanzig Stunden türmt eine Heißklebepistole einen ewigen Faden flüssigen Kunststoffs zu einem schwarzen Etwas auf.

Inzwischen gibt es fast alles aus dem 3D-Drucker

Ganz allmählich und Schicht für Schicht erhält es seine Form. Dass der Drucker in den Räumlichkeiten der Firma Wagner in Silkerode in der Nähe von Göttingen steht, wo man üblicherweise künstliche Füße, Knie- oder auch Hüftgelenke herstellt, ist eine Premiere. Maschinenbauer der Brühler Firma Iratec haben ihn nicht nur gebaut, sondern auch dorthin geschafft. Unterstützt von Orthopädietechnikern, tüfteln die Unternehmen gemeinsam daran, Patienten, die eine Prothese brauchen, mit Hilfe solch eines Druckers zu versorgen.

„Es ist gut möglich, dass im 3D-Druck die Zukunft der Branche liegt“, meint Willem Moes. Schließlich vergeht kaum eine Woche ohne die Meldung, dass die Geräte die Herstellung eines weiteren vertrauten Alltagsgegenstandes übernehmen. Motorräder, Häuser, Pizza - all das gibt es inzwischen gedruckt. Sogar im Weltraum experimentiert man damit, künftig soll ein Drucker an Bord der Raumstation ISS im All für Nachschub an Werkzeugen sorgen.

Die Prothese muss noch bearbeitet werden

Nicht erstaunlich also, dass auch Orthopädie- und Medizintechnik gewillt sind, sich das Verfahren zunutze zu machen. Nicht nur Zahnersatz, Stents oder beispielsweise Gelenke werden bisweilen gedruckt, auch die sogenannte Prothesenkosmetik, die unter dem Hosenbein dafür sorgt, dass das künstliche Bein ebenso dick wie das echte ist, kommt immer häufiger aus dem Drucker.

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