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Krankenhauskeime : Es fehlt an Ernsthaftigkeit und Geld

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Alles Dinge also, die nicht in derselben Liga wie schmutzige Skalpelle spielen – und die dennoch das Potential haben, zur Bedrohung zu werden. Spritzen sind zwar einzeln eingeschweißt, aber wenn man sie aus einem schimmeligen Karton holen muss, kann es eben doch passieren, dass Sporen an sie gelangen. Und wenn der Infusionsständer nicht in einem Raum eigens für Dinge steht, die zum Patienten gehen, sondern in einem Entsorgungsraum direkt neben Schmutzwäsche und Mülleimern, kann es sein, dass er nicht keimfrei bleibt, wenn er plötzlich dringend gebraucht wird. Fehlende Zeit und fehlender Platz – die Risikofaktoren, denen Wendt bei ihren Begehungen begegnet, sind letztlich Folge von fehlendem Geld.

Personal häufig Ursache für Keimübetragung

Als externe Hygienikerin kann sie keine verbindlichen Weisungen geben, aber Beratung leisten – in Zeiten knapper Mittel zählen die richtigen Prioritäten. Die Nachttische der Patienten müssen täglich geputzt werden, die Deckenlampen im Flur aber vielleicht nicht unbedingt; im Zweifelsfall ist wichtiger, dass Windeln, Spritzen und Handtücher täglich geliefert werden, damit sie nicht auf dem Boden herumstehen, als dass die Papierkörbe in den Büros jeden Morgen geleert werden.

Mit der Minimierung solcher Gefahrenquellen allein ist es jedoch nicht getan. Denn in den meisten Fällen sind es die Hände des Personals, die die Keime übertragen. Wendt interessiert sich deshalb nicht nur für den Verbrauch von Desinfektionsmitteln der Häuser, die sie besucht, sie koordiniert auch Programme zur Händehygiene – obwohl sie um den begrenzten Erfolg weiß, den viele Maßnahmen haben. „Aus Untersuchungen weiß man, dass die Händehygiene direkt nach Schulungen in 70 Prozent der Fälle funktioniert, in denen sie geboten wäre. Aber ein bis zwei Monate später sinkt die Quote wieder“, berichtet Wendt, die den regelmäßigen Griff zum Desinfektionsmittel gerne automatisiert sehen möchte. „Beim Kontakt mit Blut oder Ausscheidungen – also dort, wo die Idee ist, sich selbst zu schützen – funktioniert die Händehygiene relativ gut. Es ist die Umgebung der Patienten, in der sie oft vergessen wird, so dass Keime beispielsweise von einem Bett zum anderen befördert werden.“

Nur 0,3 Prozent der Erreger sind multi-resistent

In Zukunft, meinen manche, könnte sich die Situation in den Kliniken noch verschärfen. Der Anteil von Patienten, der von einem Krankenhausaufenthalt eine Infektion davonträgt, ist mit 3,5 Prozent zwar seit Jahren konstant, aber das Problem der Erreger, denen mit Antibiotika kaum beizukommen ist, steigt insgesamt: „Der MRSA-Keim nimmt zwar ab, aber sogenannte gramnegative Bakterien wie E.coli oder Klebsiella werden immer häufiger multiresistent“, sagt Wendt.

Auch wenn es im besten Fall erst gar nicht zu einer Infektion kommen sollte, beruhigt zumindest für den Moment eine Hochrechnung, die im vergangenen Jahr im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienen ist. Demnach werden sechs Prozent aller Krankenhausinfektionen von Keimen hervorgerufen, gegen die zwar mehrere Antibiotika machtlos sind – aber nicht alle von ihnen, so dass noch immer manche wirken. Nur 0,3 Prozent der Krankenhausinfektionen gehen auf multi-resistente Erreger zurück, gegen die kein Mittel mehr hilft.

Bei Michael Bucher übrigens schlugen die Antibiotika doch noch an. Bei all seinem Pech klingt es zynisch, überhaupt von Glück zu sprechen. Aber dass die Mittel wirkten, erwies sich als Segen. Weil Extremitäten immer schlechter als die Körpermitte durchblutet sind, hatten die Pillen nichts ausrichten können. Aber als die Ärzte beim Operieren die Wunde direkt mit dem Wirkstoff spülten, brachte das den Erfolg.

Nach fünf Operationen war Bucher die Entzündung los, die schlimmsten Strapazen hatten ein Ende. Es folgte die Rekonstruktion einer neuen Achillessehne, dann konnte der Fuß endlich zugenäht werden. Aber bis er wieder tanzen kann, dauert es noch.

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