https://www.faz.net/-gum-o949

Beaujolais Primeur : Traubensaft mit Alkohol

Auf dem Weg nach Japan: der erste Beaujolais Bild: AP

Dieses Jahr soll er sogar ohne Gefährdung der Geschmacksnerven trinkbar sein. Der Beaujolais Primeur, ein wenig anspruchsvoller Wein, ist vor allem ein sagenhafter Marketingerfolg.

          3 Min.

          Dieses Jahr soll er sogar ohne Gefährdung der Geschmacksnerven trinkbar sein. Der Jahrhundertjahrgang 2003, der die Winzer in ganz Europa strahlen läßt, hat offenbar auch dem Beaujolais Nouveau - für Fachleute: Beaujolais Primeur - gutgetan, der von diesem Donnerstag an in die Restaurants und den Handel gelangt. Der Beaujolais Nouveau, dem je nach Jahrgang und nach Gaumen ein Geschmack von Banane oder Kirsche nachgesagt wird, ist einer der beeindruckendsten französischen Marketingerfolge der vergangenen 50 Jahre - aber ob er überhaupt die Bezeichnung Wein verdient, bleibt auch heute noch umstritten.

          Der Schöpfer des Beaujolais Nouveau als Produkt der Ereignisgesellschaft heißt Georges Duboeuf und ist heute 70 Jahre alt. Der erfolgreiche, dennoch bescheidene Winzer aus Romaneche-Thorins betreibt ein Unternehmen mit einem Umsatz von 120 Millionen Euro im Jahr. Vor einem halben Jahrhundert war Duboeuf jedoch nicht mehr als ein junger Spund, der sich emsig bemühte, die meist zweit- oder drittklassigen Weine aus dem kleinen, nördlich von Lyon gelegenen Anbaugebiet Beaujolais bekannten französischen Restaurateuren und schließlich auch ins Ausland zu verkaufen.

          Mit der Concorde und den Medien nach New York

          Als Duboeuf sein Marketingtalent entwickelte, gab es bereits den Beaujolais Nouveau. Doch war der junge Wein seinerzeit nur in der Region bekannt. Dem Franzosen gelang es bald, den Beaujolais Nouveau in den Mittelpunkt einer Ereigniskultur zu stellen. In Paris lud er Prominente in einen Sonderzug ein, die ihn in seine Heimat begleiteten, wo nach einer feuchtfröhlichen Party der Startschuß zum Vertrieb des Weins in alle Welt abgefeuert wurde. In seinen Glanzzeiten charterte Duboeuf eine Concorde, mit der er von Lyon aus seinen Wein mit ohrenbetäubendem Medientamtam nach New York flog. Bald galt es innerhalb und außerhalb von Frankreich als chic, den dritten Donnerstag im November mit Freunden und Bekannten bei einer Flasche Beaujolais Nouveau zu feiern. Duboeuf wurde zum "Papst des Beaujolais".

          Doch wo Erfolg ist, lauert auch die Kritik. Vor allem französische Weinkenner warfen (und werfen) Duboeuf vor, mit seinem Produkt außerhalb des Landes einen erbärmlichen Eindruck von französischer Winzerkunst zu erzeugen. Denn wegen seiner außerordentlich kurzen Reifezeit kann der unter Einsatz moderner Kellereitechnik aufgepeppte Beaujolais Nouveau, der aus der außerhalb seiner Heimatregion nahezu unbekannten Rebsorte Gamay Noir besteht, kein anspruchsvoller Wein sein. Ebensowenig ist er lange haltbar - was ein guter Rotwein sein sollte. Kenner nennen das "Fruchtsaft mit etwas Alkohol". Als ein bekannter Fachjournalist ihn vor einigen Monaten gar als "Sch...wein" bezeichnete, wurde das Magazin, das den Artikel abdruckte, zu hohem Schadenersatz zugunsten der Winzer im Beaujolais verurteilt.

          Weine der Freundschaft und des Zusammenseins

          Duboeuf reagiert gelassen auf die Vorwürfe. "Man kann niemanden zwingen, einen jungen Wein zu mögen", sagt der Franzose. "Es handelt sich um Weine der Freundschaft und des Zusammenseins. Wie alle Weine, bestehen sie zu 20 bis 30 Prozent aus Träumen. Wer nicht zu träumen vermag, wird sie auch nicht lieben." Gleichwohl hat der Beaujolais Nouveau seinen Höhepunkt als Modeprodukt zumindest in Frankreich wohl überschritten, wo der Konsum billiger Weine seit Jahren rückläufig ist. Dafür genießt der junge Wein außerhalb Frankreichs immer noch Kultstatus, wo er unverdrossen als typisches Produkt gallischen Lebensgefühls gefeiert wird. Mittlerweile hat Japan den früher von Deutschland gehaltenen Rang als wichtigstes Exportland übernommen.

          Die Auswirkungen des Rummels für das Beaujolais sind zwiespältig. Einerseits erlangte die kleine Weinregion, die stets im Schatten von Burgund stand, durch den Beaujolais Nouveau eine unerwartete Popularität. Gleichzeitig verfestigte sich der Ruf des Beaujolais als Hort billiger Weine, obgleich die Gegend durchaus auch über angesehene Lagen verfügt. Die seit Jahren zu beobachtende Krise des französischen Land- und Tafelweins, die sich mit verändernden Konsumgewohnheiten und der wachsenden Konkurrenz durch Anbieter aus Kalifornien, Chile und Australien erklärt, hat daher auch das Beaujolais erfaßt. So forderten die Winzer der Region zu Jahresanfang die Regierung auf, die Umwandlung von 100000 Hektolitern unverkäuflichen Rotweins in Senf oder reinen Alkohol zu subventionieren. Die Verwandlung in eine große Weinregion fällt dem Beaujolais schwer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine überwältigende Mehrheit der Republikaner im Senat steht hinter Donald Trump und hat gegen die Fortsetzung des Amtsenthebungsverfahren gegen ihn gestimmt.

          Verfahren gegen Trump : Fast alle Republikaner im Senat gegen Impeachment

          Nur fünf republikanische Senatoren stimmen mit den 50 Demokraten für den Fortgang des Amtsenthebungsverfahrens gegen den früheren amerikanischen Präsidenten. Die anderen halten es für verfassungswidrig. Damit wird eine Verurteilung extrem unwahrscheinlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.