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Langer Prozess : Krankenkasse muss für Herzoperation zahlen

  • -Aktualisiert am

Nach einem langen Prozess: Das Gericht entscheidet für die Herzklinik (Symbolbild). Bild: dpa

Nach einer lebensrettenden Herzoperation weigerte sich die Barmer-Ersatzkasse, die Behandlungskosten zu übernehmen. Die Klinik reichte Klage ein. Sieben Jahre nach dem Eingriff fiel nun das Urteil.

          Was Gerhard H. durchgemacht hat, sieht man ihm nicht an. Der 64 Jahre alte Mann ist jedenfalls äußerlich in Form, er fährt viel Fahrrad und hat erst kürzlich den Elberadweg absolviert. Am Mittwoch sitzt er vor Saal 1 im Sozialgericht Leipzig, während sich drinnen seine Klinik und Krankenkasse bisweilen lautstark streiten. H. ist als Zeuge geladen und muss geschlagene drei Stunden warten, ehe er aufgerufen wird. Drinnen rollt der Richter die Sache nochmal von Anfang an auf, da ein Vergleichstermin Wochen zuvor gescheitert war. Es geht um 120.000 Euro Behandlungskosten plus 20.000 Euro Zinsen, die das Herzzentrum Leipzig bei der Barmer-Ersatzkasse eingeklagt hat, denn der Fall liegt bereits mehr als sieben Jahre zurück.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Im Mai 2011 kam H. mit einer Lungenembolie in die Notaufnahme, wo die Ärzte eine krankhafte Herzerweiterung nebst Herzmuskelschwäche feststellten und ihn in die Leipziger Klinik überwiesen. Das Herz sei nicht mehr behandelbar gewesen, sagt sein Operateur, erschwerend sei hinzugekommen, dass sowohl die linke als auch die rechte Herzseite betroffen gewesen seien, was sehr selten vorkomme. „Es war klar, dass der Patient in absehbarer Zeit ein Spenderorgan braucht.“ Da H. auch noch die seltene Blutgruppe 0 hat, rechneten die Ärzte mit einer erheblich längeren Wartezeit als üblich. Sie beschlossen, das geschwächte Organ zur Überbrückung mit einer Herzpumpe zu entlasten. Als sich der Zustand aber erheblich verschlechterte und ein multiples Organversagen begann, setzten die Ärzte H. in einer Notoperation links und rechts je eine Herzpumpe ein.

          Der Patient habe sich schnell erholt und bereits drei Wochen später die Klinik verlassen können, um daheim auf ein Spenderorgan zu warten, berichtet der Chefoperateur. Die Krankenkasse jedoch weigerte sich, die Notoperation zu bezahlen, mit der Begründung, dass die für die rechte Herzkammer innen verwendete Pumpe in Deutschland medizinisch nicht zugelassen sei und es alternativ ebenso geeignete äußere Systeme gegeben habe. Im Gerichtssaal wird es sehr technisch, denn um ein geschwächtes Herz am Laufen zu halten, gibt es verschiedene Systeme: Sie können außerhalb des Körpers liegen, wobei der Patient im Krankenhausbett bleiben muss, am Körper angebracht sein, wobei vier daumendicke Schläuche im Bauchraum des Patienten stecken, oder wie bei H. in den Brustraum eingesetzt werden, wobei lediglich ein dünner Schlauch sowie zwei Kabel für das elektronische Steuerkästchen herausragen, womit der Patient mobil bleibt.

          Er wartete ein Jahr und elf Monate auf sein Spenderherz

          Der Operateur erläutert, dass sich sein Team aufgrund der absehbar längeren Wartezeit auf ein Spenderherz für das innenliegende System entschieden habe, um so die bei äußeren Systemen hohe Infektionsgefahr zu verringern. Statistisch überlebten 60 Prozent der Patienten mit äußeren Herzpumpen ein Jahr und nur 20 Prozent zwei Jahre. H. wartete letztendlich ein Jahr und elf Monate auf sein Spenderherz. Er habe aus rein medizinischen Gründen gehandelt, versichert der Arzt, und insgesamt gesehen sei das sogar billiger, weil der Patient nicht die gesamte Zeit im Krankenhaus auf sein neues Herz warten musste.

          „Es geht hier nicht ums Geld, sondern um Qualität und die Sicherheit des Patienten“, versichern die Vertreter der Krankenkasse mehrfach. Die Klinik habe sich ohne Not über den Grundsatz hinweggesetzt, nur zugelassene Medizinprodukte zu verwenden, zudem seien in Fällen wie diesen stets am Körper liegende Systeme das Mittel der Wahl, weshalb es, alles in allem, keine Leistungspflicht der Kasse gebe.

          Es ist ein Streit zwischen Theorie und Praxis und einer über das nahezu undurchdringliche Labyrinth gesetzlicher Vorschriften sowie medizinischer Notwendigkeit. Der Arzt sagt, er wisse, dass das System für die rechte Herzseite nicht zugelassen sei. „Allerdings haben wir rechts nicht anderes eingebaut, als nicht auch für die linke Seite zugelassen war.“ Die Pumpe sei identisch, für ein Zulassung zum beiderseitigen Einbau fehlten lediglich verlässliche Studien, die wohl aber aufgrund der wenigen Patienten, die das überhaupt betreffe, bisher nicht gemacht worden seien. Die Vertreter der Kasse beharren darauf, dass die Entscheidung falsch war, erklären allerdings nicht, warum sie dann auch den zugelassenen Einbau der linken Pumpe nicht bezahlt haben. Laut der Klinik haben andere Kassen in ähnlichen Fällen die komplette Behandlung übernommen.

          Es wird laut und sehr emotional, der Richter ruft beide Seiten mehrfach zur Ordnung und schließlich den Betroffenen selbst herein, der munter auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt. Wie es ihm denn mit dem eingebauten System gegangen sei, will der Richter wissen. „Ich war befreiter, konnte raus und spazieren gehen und sogar duschen“, erzählt er. Das sei ein großer Vorteil gegenüber den anderen Varianten gewesen. Woher er die denn kenne, fragt der Richter, „Mein Sohn ist auch herztransplantiert worden“, antwortet H. „Er musste die ganze Zeit im Krankenhaus liegen bleiben.“ Für einen Moment ist Stille im Saal. „Und wie geht es Ihnen heute?“, fragt der Richter. „Heute bin ich sehr zufrieden!“, sagt H. und lächelt. Das Gericht verurteilt am Ende die Krankenkasse dazu, der Klinik alle entstandenen Kosten zu zahlen. Entscheidend sei, dass die strittige Behandlung für den Patienten die bessere Lösung bedeutet habe, begründete der Richter. Ob die Krankenkasse dagegen Berufung einlegen wird, war zunächst noch unklar.

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