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Kurorte in der Krise : Lieber Kreuzfahrt als Kurpark

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Zum Flanieren gemacht: Die Hauptallee im niedersächsischen Bad Pyrmont – mit geringer Motorkraft ist sie auch befahrbar. Bild: Daniel Pilar

Ausgerechnet die traditionellen Kurorte verpassen den Boom in der Gesundheitsbranche. Denn immer weniger Aufenthalte werden von den Kassen bezahlt. Bad Pyrmont setzt jetzt auf Schulungen gegen Burn-out statt auf Moorbäder.

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          Wer mit Dieter Alfter durch Bad Pyrmont läuft, macht eine Zeitreise. Kaum einer kennt die Geschichte des Kurorts so gut wie der ehemalige Leiter des Stadtmuseums. „Die Balkone da oben“, sagt er und deutet in Richtung des Hotels Fürstenhof, „das war alles nur Show. Da stand man, um zu sehen und gesehen zu werden.“ Wenn sich der Hochadel im 18. Jahrhundert nicht gerade auf den Balkonen zur Schau stellte, flanierten die Männer und Frauen die Hauptallee des niedersächsischen Ortes herauf und herunter, immer mit einem Glas Wasser in der Hand. Schon damals kamen die Menschen auch wegen der Sorge um ihre Gesundheit in die Stadt. Das Heilwasser aus den Quellen Pyrmonts sollte entschlacken, das Spazieren die sonst eher trägen Adligen in Bewegung bringen. Doch vor allem kamen sie, um sich zu amüsieren.

          Heute kann es selbst an einem warmen Frühlingstag passieren, dass Besucher die Hauptallee für sich alleine haben. Statt Prinzessinnen flanieren dort nur noch Senioren in Gesundheitsschuhen, junge Menschen sind kaum unterwegs. Sie reisen seltener in Kurorte wie Bad Pyrmont, seit es schwieriger geworden ist, eine Kur bezahlt zu bekommen. Für die Heilbäder bedeutet das: Es reicht nicht mehr, nur auf die Kranken zu setzen. Doch um die Gesunden, die Erholungssuchenden, konkurrieren Kurorte mit Wellness-Tempeln auf der grünen Wiese und mit Anbietern von Bergurlauben und Kreuzfahrten. Wie also die Menschen davon überzeugen, dass sie, statt auf der Aida übers Mittelmeer zu schippern, durch den Kurpark spazieren oder ein Moorbad nehmen sollten?

          Ein Besuch in Bad Pyrmont : Wir wollen die Happy Oldies!

          Eine Vision für die Zukunft

          Für Bad Pyrmont sah es lange so aus, als müsste man sich diese Frage einfach nicht stellen. Die Stadt hat ihren Ruf als Ort der Heilung und des Vergnügens über die Jahrhunderte aufrechterhalten. Den Zweiten Weltkrieg überstand Bad Pyrmont als Lazarettstadt weitgehend unzerstört. Als die Kur zu einem festen Bestandteil der Krankenkassenleistungen wurde, galt die Zukunft des Staatsbads als gesichert. Dann, in den neunziger Jahren, kamen die Reformen unter Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU), und die Kurorte im ganzen Land stürzten in eine tiefe Krise. Es war nicht mehr so einfach, eine Kur bewilligt zu bekommen, die Aufenthaltsdauer wurde verkürzt, und die Kranken mussten mehr zuzahlen. Einzig die Küstenstädtchen blieben von der Kurkrise verschont: Dort stiegen die Übernachtungszahlen seit Ende der Neunziger sogar an (siehe Grafik rechts). Die Orte profitierten vom Meer, die in Mecklenburg-Vorpommern zusätzlich vom Aufbau Ost.

          Für Bad Pyrmont, weit weg von jedem Strand, war die Gesundheitsreform aber verheerend: Innerhalb von nur einem Jahr, zwischen 1996 und 1997, sank die Zahl der Übernachtungen von mehr als 900.000 auf rund 650.000. Plötzlich blieben viele Betten leer, Hotels und Geschäfte mussten schließen.

          Seitdem hat sich die Stadt aufgerappelt und sich, zumindest im Zentrum, auch wieder herausgeputzt. Die neoklassizistische Wandelhalle am Fuß der Hauptallee erinnerte in den Neunzigern eher an eine Bahnhofshalle. Jetzt ist sie renoviert, die türkisfarbene Kuppel blitzsauber, die weißen Säulen strahlen. Auf dem Platz davor wecken Palmen in großen Holzkübeln Urlaubsgefühle. Vor den Restaurants entlang der Allee rücken die Kellner Tische und Stühle zurecht. Doch ein freundlicher Empfang allein reicht nicht, um den Ort aus dem Besuchertief zu holen. Die Übernachtungszahlen sind seit Ende der Neunziger zwar wieder leicht gestiegen. Aber die guten Werte von früher bleiben unerreicht. Jetzt müssen neue Konzepte her, der Kurort braucht eine Vision für die Zukunft.

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