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Babymilch-Skandal : Staatsanwälte ermitteln wegen fahrlässiger Tötung

  • Aktualisiert am

Gegen Humana wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt Bild: AP

Nachdem die Firma Humana zugegeben hat, mangelhafte Sojamilch nach Israel geliefert zu haben, ermittelt die Bielefelder Staatsanwaltschaft gegen drei Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung.

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          Nach dem Tod zweier Säuglinge in Israel hat der deutsche Hersteller Humana Milchunion am Mittwoch noch einmal bestätigt, daß für die "einmalige Verkettung unglücklicher Umstände" weder die israelische Vertriebsfirma Remedia noch das Institut, das die Babynahrung auftragsgemäß analysierte, verantwortlich sei. Wie eine Unternehmenssprecherin sagte, übernimmt Humana die Verantwortung. Man werde umfassend an der Aufklärung mitwirken.

          Zugleich wurde bekannt, daß die Bielefelder Staatsanwaltschaft gegen drei verantwortliche Mitarbeiter des Herforder Unternehmens wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Es bestehe ein Anfangsverdacht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren sei von Amts wegen gegen die Leiterin der Produktentwicklung, die Leitung des Qualitätsmanagements und gegen die Chemiker im Labor eingeleitet worden. Schon am Dienstag hatte die Humana Milchunion eingestanden, der sojahaltigen Babynahrung Remedia Super Soya 1 nicht genügend Vitamin B1 zugesetzt zu haben. Die israelischen Behörden vermuten, daß das zum Tod von zwei - und nicht, wie ursprünglich angenommen, drei - Säuglingen geführt hat. Zudem seien 15 weitere Babys zum Teil schwer erkrankt.

          Erste Untersuchung bereits abgeschlossen

          Nach Angaben von Humana wurde eine erste betriebsinterne Untersuchung bereits abgeschlossen. Demnach wurden im Frühjahr 2003 die Rezepturen der beiden Vorgängerprodukte Soya 1 (geeignet für die ersten sechs Lebensmonate) und Soya 2 (sechs bis zwölf Monate) als Grundlage genommen, um das Produkt Remedia Super Soya 1 für das erste Lebensjahr zu entwickeln - und zwar gemeinsam mit Remedia. Der israelische Vertreiber habe den Wunsch geäußert, daß Humana nur noch ein koscheres Produkt speziell für den israelischen Markt herstellen möge. Dabei kam es offenbar zu einem folgenschweren Fehler: Die Analysedaten der vorhergehenden Rezepturen wurden falsch interpretiert; man habe angenommen, daß der natürlich im Soja vorkommende B-1-Gehalt genüge und eine Vitaminzugabe nicht nötig sei, sagte die Unternehmenssprecherin. Demgemäß sei das neue Produkt auch falsch ausgezeichnet worden. Wie sich erst jetzt herausstellte, wurden nur zwischen 29 und 37 Mikrogramm B1 pro 100 Gramm Fertignahrung festgestellt, Werte, die deutlich den deklarierten Wert von 385 Mikrogramm unterschreiten. Der Mangel an Vitamin B1 kann bei Babys zu Schäden im Gehirn und am Herzen führen.

          Humana beauftragte nach der Abfüllung einer ersten Produktionscharge, an der ein Rabbiner und ein Technologe von Remedia beteiligt gewesen seien, noch im März 2003 ein Institut mit einer umfassenden Analyse des Produkts. Dabei sei es zu dem zweiten Fehler gekommen. "Niemand im Haus bemerkte, daß die Vitaminanalyse fehlte. Sie wurde darum auch nicht noch einmal angefordert." An Spekulationen, wen Humana für die Fehler verantwortlich macht, werde sich das Unternehmen nicht beteiligen, sagte die Sprecherin. Allerdings werde es in den nächsten Tagen personelle und organisatorische Konsequenzen geben, sowohl im Qualitätsmanagement als auch in der Produktentwicklung.

          Bisher keine Schadenersatzklagen

          Nach Angaben von Humana sind bisher noch keine Schadenersatzklagen eingegangen. Allerdings rechne man fest damit. Bisher richten sich die in Israel eingereichten Millionenklagen nur gegen den Importeur Remedia, der trotz des Eingeständnisses von Humana besonders heftig im eigenen Land kritisiert wird. Das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium weitete angesichts der eingestandenen Versäumnisse die Stichproben auf die gesamte Produktion des Babykost-Herstellers aus. Wann die Babynahrung bei Humana zuletzt von der amtlichen Lebensmittelüberwachung kontrolliert wurde, konnte ein Ministeriumssprecher nicht sagen. Ein Bericht der zuständigen Behörde darüber sei angefordert. Unabhängig davon liege aber die Produktverantwortung beim Hersteller.

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