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Augenklinik in Nepal : Vierhundert Patienten am Tag

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Warten auf die Behandlung: Allein im vergangenen jahr wurden in Lahan 200.000 Menschen untersucht und 55.000 operiert Bild: Tobias Pflanz / F.A.Z.

Die zweitgrößte Augenklinik der Welt steht im nepalischen Lahan. Ein Deutscher leitet sie: Albrecht Hennig. Erst wollte er nur kurz bleiben. Dann wurde mehr daraus. Heute ist die Klinik zu seinem Lebenswerk geworden. Sogar Nepals König ist stolz auf ihn.

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          Bunte Saris streifen sein Gesicht. Flüchtig fährt ihm eine Frau durchs staubige Haar. Doch seine Augen suchen nichts: Die Welt des kleinen Muradi endet nach knapp zwei Metern. Verschwommen ist sie bis dahin, vernebelt. Danach versinkt sie im konturlosen Grau. Nur die Hand seines großen Bruders hilft dem Zehnjährigen durch das Stimmenmeer. Immer wieder läuft er gegen die Knie wartender Patienten. Es sind die letzten Schritte einer langen Reise, die sie von ihrem kleinen Dorf quer durch den Nordosten Indiens hierher in die Augenklinik von Lahan im Südosten Nepals führte. Zweieinhalb Tage waren sie unterwegs.

          Jetzt sitzt Muradi auf einem kleinen Metallhocker. Ein Mann mit grauen Haaren, Schnauzer und einer Brille sieht ihm tief in die Augen. „Katarakt, grauer Star, beidseitig“, murmelt Albrecht Hennig, während er durch den Augenspiegel sieht. „Wie lange hat er schon Beschwerden?“, fragt der Augenarzt den Bruder auf Englisch. „Seit fünf Jahren“, antwortet der Zwanzigjährige auf Hindi. „Muradi erkennt einfachste Dinge nicht mehr. Er hat die Schule abgebrochen“, fügt der Bruder, ein einfacher Landarbeiter, hinzu. Hennig nickt. „Das rechte operieren wir morgen, das andere in zwei Tagen.“ Als er es notiert, sitzt schon ein alter Herr vor ihm. Denn Muradi ist nur einer von knapp 400 Patienten, die sich allein an diesem Tag im „Sagarmatha Choudhary Eye Hospital“ angemeldet haben.

          Mit 34 Jahren nach Nepal gegangen

          Albrecht Hennig wird sie sich nicht alle persönlich ansehen. Der 60 Jahre alte Facharzt für Augenheilkunde kümmert sich vor allem um die Kinder und komplizierten Fälle. Er ist der Leiter der Lahaner Augenklinik - der zweitgrößten der Welt. Allein im vergangenen Jahr wurden hier und in den fünf Außenstellen mehr als 200.000 Menschen untersucht und 55.000 Patienten operiert. Es sind Leute aus armseligen Verhältnissen: Tagelöhnerinnen, Bauern, Fischer. Die meisten kommen wie Muradi aus dem benachbarten Indien, leiden an grauem Star, der weltweit häufigsten Erblindungsursache.

          Lebenswerk: Albrecht Hennig kümmert sich besonders um die Kinder

          Eine heilbare Krankheit: Die Operation dauert keine zehn Minuten und kostet in Lahan nur knapp zehn Euro. „Für die Menschen hier immer noch viel Geld. Aber sie zahlen es“, sagt Albrecht Hennig. Mehr als 100.000 solcher Katarakt-Operationen hat er selbst schon vorgenommen. Nicht selten nannten ihn Patienten anschließend einen „Engel“ oder „Wunderheiler“. Doch davon will der Doktor nichts hören. Vor knapp 26 Jahren kam der gebürtige Thüringer hierher. Da war er 34 Jahre alt und hatte gerade seine Facharztausbildung in West-Berlin beendet.

          Operieren im Licht einer Stirnlampe

          Die Christoffel-Blindenmission entsandte ihn nach Nepal. Hennig sollte eine lokale Hilfsorganisation beim Aufbau einer kleinen Klinik unterstützen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte herausgefunden, dass besonders im Südosten des Landes die Zahl der Katarakt-Patienten - wegen der großen Bevölkerungsdichte und mangelnder medizinischer Versorgung - extrem hoch war. Hennig reizte die Aufgabe. Eigentlich wollte er nur zwei Jahre bleiben und dann die Praxis seines Vaters in der Pfalz übernehmen. Seine Familie nahm er mit.

          Seiner Frau Kristina, einer Apothekerin, schien die Zeit überschaubar, die Söhne waren noch nicht schulpflichtig. In Lahan, diesem kleinen staubigen Ort in der Terai-Tiefebene 25 Kilometer vor der indischen Grenze, gab es ein leerstehendes Hospital. Ein Anfang. Aber einer, der es in sich hatte. „Ich war geschockt, habe geheult“, erinnert sich Kristina Hennig heute. „Es gab keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon, einfach nichts. Und die Hitze machte einen fertig.“

          Zur Eröffnung kam sogar Nepals König

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