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Aufklärung vor Operationen : Wie viel Einblick wollen wir?

Bei einer Operation kann viel passieren, Aufklärungsbögen führen uns das erst richtig vor Augen Bild: Caro / Ponizak

Das wird kein großes Ding, sagt der Arzt vor der Operation – und dann folgt Fachchinesisch. Patienten sind unzufrieden mit der Art, wie Ärzte sie informieren. Aber ist das nur die Schuld der Ärzte? Und sollten Patienten wirklich alles wissen?

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          Das wird kein großes Ding. Mit diesen Worten leitet der Orthopäde das Aufklärungsgespräch für die bevorstehende Operation ein. So einen Satz glaubt man ihm auf der anderen Seite des Schreibtischs gerne – zumindest, bis der Blick auf den Aufklärungsbogen und die darin aufgelisteten Risiken fällt. Blutungen. Lähmungen. Herzversagen. Ein ungutes Gefühl macht sich breit.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hierzulande sind Ärzte rechtlich dazu verpflichtet, Patienten umfangreich über Nutzen und Risiken einer Behandlung, über Nebenwirkungen eines Eingriffs oder eines Medikaments und über alle erdenklichen Alternativen bis hin zu den Auswirkungen des Nichtstuns aufzuklären. Was theoretisch passieren kann, selbst sehr Unwahrscheinliches, wird dem Patienten mitgeteilt. Und zwar so lange, bis sichergestellt ist, dass der Patient „Wesen, Bedeutung und Tragweite eines ärztlichen Eingriffs in seinen Grundzügen erkannt hat, um eine wirksame Einwilligung erteilen zu können“, wie die Juristen sich ausdrücken.

          Wunsch nach mehr Informationen

          Diese umfassende Aufklärungspflicht des Arztes ist eine Errungenschaft der modernen Arzt-Patienten-Beziehung und des gewachsenen Selbstbewusstseins von Kranken gegenüber dem „Halbgott in Weiß“. „Patientenautonomie“ lautet das Schlagwort. Ein wertvolles Gut. Das aber, so macht es zumindest den Eindruck, im medizinischen Alltag nicht hält, was es verspricht: Laut dem Ergebnis des gerade erschienenen „Gesundheitsmonitors“ schlagen rund 95 Prozent der knapp 12.800 befragten Patienten unzufrieden die Tür des Sprechzimmers hinter sich zu. Sie wünschen sich mehr Informationen. Die Umfrage von Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK ergibt weiter: 58 Prozent der Befragten wurden von ihrem Arzt noch nie vor Alternativen gestellt, obwohl sie sich das wünschten. 15 Prozent beziehungsweise 23 Prozent beklagen sogar, dass ihr Haus- beziehungsweise Facharzt vorhandene Therapieoptionen gar nicht erst erwähnt. Ergebnisse, die zu der im Gesetz festgeschriebenen umfangreichen Aufklärungs- und Informationspflicht der Mediziner eigentlich nicht passen.

          Doch auch Judith Storf von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) kennt diese Beschwerden von ihrer Arbeit: „Häufig berichten Ratsuchende, dass sie über Diagnosemethoden oder einen Befund nicht ausreichend aufgeklärt wurden.“ Auch erlebe sie den Fall, dass Patienten keine Informationen über anfallende Kosten erhielten, die von der Kasse nicht übernommen werden. Der aktuelle Jahresbericht der UPD zeigt: Rund 33 Prozent der dort festgestellten „Problemlagen“ drehen sich darum, dass Patienten entweder falsch oder unvollständig informiert wurden. Storf erlebt auch Patienten, die einfach nicht verstanden haben, was der Arzt ihnen im Fachjargon zu erläutern versucht hat. Diese Patienten wenden sich dann an die UPD, weil sie sich nicht trauen, beim gehetzten Arzt nachzuhaken.

          Sind also die Mediziner schuld, dass zwischen Wunsch, Theorie und Realität in Sachen Patienteninformation eine so große Lücke klafft? Stellt man Ärzten diese Frage, wird man überraschenderweise nicht schroff zurückgewiesen, sondern erntet Verständnis. „Mich hat das Ergebnis der Umfrage nicht überrascht“, sagt Professor Robert Thimme, Ärztlicher Direktor an der Klinik für Innere Medizin II der Freiburger Uniklinik. Er kennt die Situation, dass der Arzt den Eindruck hat, ausführlich mit dem Patienten gesprochen zu haben. Am Ende aber wird klar, dass der Patient längst nicht alles verstanden hat. Ursache für diese für alle Seiten unbefriedigende Situation ist seiner Meinung nach unter anderem die Tatsache, dass viele Mediziner nicht richtig mit dem Patienten kommunizieren. Falsche Wortwahl, Standardsätze, Fachbegriffe, zu wenig Einfühlungsvermögen.

          Gute Aufklärung gehört zur ärztlichen Kunst

          Die Art, in der viele Ärzte aufklärten, sei nicht auf den individuellen Patienten abgestimmt: „Einen Eingriff so zu erklären, dass der Patient alles sicher verstanden hat und aufgrund des Gespräches eine Entscheidung treffen kann, das gehört zur ärztlichen Kunst. Diesen ethischen Anspruch sollten Mediziner an ihren Beruf stellen.“ Dass dies Medizinern mitunter nicht immer gelingt, liegt Thimmes Ansicht nach vor allem an der unterschiedlichen Wertschätzung der Aufklärung: „Für den Patienten ist ein solches Gespräch ein essentieller Baustein in seiner Beziehung zum Arzt. Es ist für seine Entscheidungsfindung und seinen Umgang mit der Erkrankung ausschlaggebend.“ Aus der Perspektive des Arztes hingegen sei ein solches Gespräch vor allem zeitaufwendig und mit viel Dokumentationspflicht verbunden. Thimmes Forderung: Ärzte müssen lernen, mehr aus der Sicht des Patienten auf das Thema Aufklärung zu blicken.

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