https://www.faz.net/-gum-7t9mi

Aufklärung über Diabetes : Alles auf Zucker

Ein Mann lässt sich in Köln im Beratungsmobil der Deutschen Diabetes-Gesellschaft auf Zuckerkrankheit testen. Bild: Deutsche Diabetes-Gesellschaft

In Deutschland ist die Zahl der diagnostizierten Diabetes-Fälle unter Migranten innerhalb der letzten Jahre stark angestiegen. Nun soll ein „Beratungsmobil“ Menschen mit Migrationshintergrund über die Krankheit aufklären.

          2 Min.

          Schemus Tekkal war oft plötzlich so müde. „Schon nach ein paar Stunden wollte ich mich wieder hinlegen“, erinnert er sich. Seine Kinder machten sich Sorgen. „Papa, du musst dich untersuchen lassen“, sagten sie. Aber Tekkal, der vor 40 Jahren aus Ostanatolien eingewandert war, wollte nicht. „Dann ging ich doch. Und der Arzt hat Diabetes Typ2 bei mir festgestellt.“ Es war ein Schock für den Dreiundsechzigjährigen und zugleich eine große Chance, Schlimmeres abzuwenden, denn an einer Folgeerkrankung litt er noch nicht.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Weil Deutschland – anders als 18 von 28 europäischen Ländern – keinen Nationalen Diabetes-Testplan hat, gibt es keine verlässlichen Zahlen. Nach groben Schätzungen leben in Deutschland sechs Millionen Zuckerkranke. Noch gröber sind die Schätzungen für die Menschen mit Migrationshintergrund. Nach einer Studie aus dem Jahr 2001 sollen es 600.000 Personen sein. Fest steht dagegen, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle seit 1998 um 38 Prozent gestiegen ist. Der Anteil der Personen, die wegen Diabetes in Behandlung sind (Prävalenz), ist unter Migranten nach Angaben der Deutschen Diabetes-Hilfe mit rund 14 Prozent gut doppelt so hoch wie die Quote unter der angestammten Bevölkerung.

          „Warum das so ist, wurde noch nicht erforscht“, sagt Arif Ünal, der in Köln ein Gesundheitszentrum für Migranten leitet und vor 15 Jahren die erste Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Diabetiker gründete. Tatsächlich heißt es in Studien bislang lapidar, Migranten litten häufig unter erhöhten psychischen Belastungen. Dass es einen Zusammenhang mit dem Grad der Integration geben muss, legt der Umstand nahe, dass die Prävalenz in der Türkei selbst nicht höher ist als in Deutschland.

          Wirksame Präventionsmaßnahmen nötig

          Allgemein gelten Fehlernährung, Bewegungsarmut und zu hohes Körpergewicht als Ursachen der Krankheit. Hinzu kommen soziale Faktoren wie Bildungsferne, geringes Einkommen oder Arbeitslosigkeit. „Migranten haben oft ein ganz anders Gesundheits- und Krankheitsverständnis als Deutsche“, sagt Ünal. Schemus Tekkal bestätigt, dass seine Landsleute eine Krankheit oft als schicksalhaft oder gottgegeben ansehen und erst dann einen Arzt aufsuchen, wenn es wirklich nicht mehr gehe. „Erkrankungen werden verschleppt, Prävention findet nicht statt“, sagt Ünal. Auch wegen kultureller und sprachlicher Hürden.#

          San Francisco : Forscher heilen Diabetes - bei Mäusen

          An diesem Punkt will die Deutsche Diabetes-Hilfe nun mit ihrem neuen Projekt ansetzen, das vom Bundesgesundheitsministerium gefördert und vom Zentrum für psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf wissenschaftlich begleitet wird. Mit einem Infomobil fahren türkischstämmige Diabetes-Beraterinnen überall dorthin in Deutschland, wo vor allem viele Migranten gerade aus der Türkei leben. Erste Station war am Donnerstag die Kölner Keupstraße, die im Volksmund „Klein-Istanbul“ heißt. „Wenn Migranten nicht zur Früherkennung und Beratung gehen, müssen diese Angebote zu ihnen kommen“, sagt Martin Hadder. Der Vorsitzende des NRW-Landesverbands der Diabetes-Hilfe gilt als Erfinder eines ähnlichen Diabetes-Mobils, das schon seit 2003 in Nordrhein-Westfalen unterwegs ist.

          Hadder ist davon überzeugt, dass sich mit Prävention viel Geld im Gesundheitssystem sparen lässt. Wie groß der Bedarf bei Migranten sei, habe ein Gesundheitsprojekt seiner Organisation für türkischstämmige Migranten im Landkreis Wesel gezeigt. „60 Prozent der untersuchten Personen waren übergewichtig. Entsprechend hoch ist das Risiko, an Diabetes zu erkranken.“ Eine Erfolgsquote will Hadder für das Projekt Diabetes-Mobil nicht definieren. „Wenn es auch nur gelingt, eine Folgeerkrankung zu verhindern, wenn es nur gelingt, eine Amputation, ein Erblinden, ein Nierenversagen zu verhindern, dann ist das ein großer Erfolg.“

          Schemus Tekkal hat sein Leben geändert. „Früher haben wir fast täglich gegrillt, heute gibt es viel weniger Fleisch. Auf Lamm und Rind verzichte ich, manchmal gibt es etwas Huhn. Und ganz wichtig: viel Gemüse.“ Zudem geht der 63 Jahre alte Tekkal ins Fitnessstudio und joggt drei Mal in der Woche. Vor ein paar Tagen hat sein Arzt ihn für die guten Blutwerte gelobt. „Mein Vater hat jetzt ein neues Hobby: sich auf Deutsch mit seinem Arzt unterhalten“, sagt Düzen Tekkal. „Schon lustig: Aufgrund der Krankheit hat Integration stattgefunden.“

          Weitere Themen

          Wie impft man Millionen?

          FAZ Plus Artikel: Impfzentren in Bundesländern : Wie impft man Millionen?

          Sobald das erste Vakzin zugelassen ist, kann es eigentlich losgehen. Die Länder sollen in wenigen Wochen in der Lage sein, Massenimpfungen zu verabreichen. Doch vielfach ist noch gar nicht klar, wo genau die Zentren stehen sollen.

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.
          Torreiche Partie: Wolfsburg besiegt Bremen.

          5:3-Sieg gegen Bremen : Wolfsburg gewinnt packendes Nordduell

          Das Spiel zwischen Wolfsburg und Bremen entwickelt sich schnell zu einer turbulenten Partie. Beide Mannschaften liefern sich einen sehenswerten Schlagabtausch. Am Ende freuen sich die Wölfe über einen verdienten Jubiläumserfolg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.