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Arzt-Patient-Beziehung : Und was will ich?

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Passiv und selten nach seiner Meinung gefragt: der Patient in den Händen der Ärzte. Bild: Eilmes, Wolfgang

Operieren oder abwarten? Geht es um die Entscheidung für oder gegen eine Therapie, bestimmen häufig die Ärzte und nicht der Patient. Eine Arzt-Patienten-Beziehung auf Augenhöhe ist noch immer nicht üblich. Ändern lässt sich das nur schwer.

          Tagtäglich werden in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen Entscheidungen getroffen, die das Leben von Patienten von Grund auf verändern. Soll die Brust bei einem kleinen Tumor vollständig amputiert werden oder erhalten bleiben und bestrahlt werden? Soll ein als wenig gefährlich eingestufter Tumor in der Prostata entfernt, bestrahlt oder nur aktiv überwacht werden?

          Doch obwohl es die Patienten sind, die mit den Folgen einer Therapieentscheidung leben müssen, ist es oft nicht selbstverständlich, dass sie daran beteiligt werden. Sie werden nicht danach befragt, was sie bevorzugen, was ihnen wichtig ist. Dabei zeigen Untersuchungen aus dem In- und Ausland, dass viele Patienten mitbestimmen wollen.

          Ein Gespräch auf Augenhöhe

          Ein Instrument für diese Mitbestimmung ist die „partizipative Entscheidungsfindung“, ein Verfahren, das auch unter dem englischen Begriff Shared Decision Making bekannt ist. Der Begriff steht für ein Gespräch auf Augenhöhe. Arzt und Patient arbeiten zusammen und entscheiden gemeinsam über die anstehenden Untersuchungen und Behandlungen, die dann auch zusammen verantwortet werden.

          Der Arzt ist dabei Experte für das medizinische Wissen, der Patient Experte für seine persönlichen Lebensumstände und Werte. Am Anfang der gemeinsamen Entscheidung könnte der Arzt so etwas sagen wie: „So weit man es mit Gewissheit sagen kann, gibt es für Ihre Krankheit mehrere gleichwertige Behandlungsmöglichkeiten. Deshalb sind Ihre Präferenzen wichtig, um diejenige Alternative auszuwählen, die am besten zu Ihrer persönlichen Lebenssituation passt. Lassen Sie uns darüber sprechen, was bei den zur Verfügung stehenden Optionen für Sie besonders wichtig ist.“

          Wenn der Arzt den Regeln des Shared Decision Making folgt, wird er dann zuerst die Behandlungsoptionen vorstellen, ihre Vor- und Nachteile benennen und den Patienten darüber aufklären, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese auftreten. Dabei sollte er auch deutlich machen, wo die Grenzen der Medizin liegen, wo die Heilkunst noch im Dunkeln tappt und dass Abwarten unter Umständen auch eine Möglichkeit der Therapie sein kann.

          Der Arzt als Gesprächspartner - das wäre der Idealfall heute.

          In dieser Phase sollte der Arzt durch gezielte Fragen dafür sorgen, dass sich der Patient über seine Haltung klar wird. „Es geht um die Klärung von individuellen Werten und Präferenzen“, sagt Martin Härter vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Arzt und Psychologe forscht seit Jahren über die Auswirkungen der partizipativen Entscheidungsfindung und darüber, wie das Verfahren in Deutschland durchgesetzt werden kann. „Dafür muss sich der Arzt an das Sprachniveau des Patienten anpassen und klären, ob der Patient die Art und die Tragweite der verschiedenen Behandlungsalternativen verstanden hat.“

          Flyer, Broschüren, Internetseiten, die für Laien verständlich formuliert sind und die den aktuellen Wissensstand neutral abbilden, können dabei helfen. Der Patienten soll über seine Haltung nachzudenken, ohne dass er in die eine oder andere Richtung gelenkt wird.

          Patienten haben immer eine Wahl

          Anschließend wird der Arzt den Patienten fragen, welche Rolle dieser bei der Entscheidungsfindung denn spielen will: Beide können gemeinsam entscheiden; der Patient kann allein entscheiden; oder er kann den Arzt bitten, das für ihn zu übernehmen. Am Ende des Gesprächsprozesses sollte allerdings ein Entschluss stehen, der von beiden gemeinsam verantwortet wird.

          Dieses gemeinsame Entscheiden unterstreicht, dass Patienten eigentlich immer eine Wahl haben. „Selbst wenn es keine gleichwertigen Behandlungsoptionen gibt, sondern nur eine einzige Therapie zur Verfügung steht, kann der Kranke dazu ja oder nein sagen“, erklärt Härter. „Auch das ist eine Wahl.“

          Das Interesse am Shared Decision Making hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das Internet sorgt dafür, dass Patienten heute besser über Erkrankungen und Behandlungsformen informiert sind als früher. Patienten reagieren auch zunehmend ungehalten auf ärztliche Bevormundung. Der medizinische Fortschritt führt außerdem dazu, dass es immer mehr gleichwertige Möglichkeiten gibt.

          Vorteile auch für Mediziner

          Auch die Politik will den mündigen Patienten. Mit dem Patientenrechtegesetz aus dem vergangenen Jahr sind seine Rechte noch einmal gestärkt worden. Hinzu kommt, dass die Medizin keine exakte Naturwissenschaft wie die Physik ist, sondern eine auf Werten gegründete Disziplin. In einer pluralistischen Gesellschaft besteht nicht mehr automatisch Konsens über die geltenden Normen und Werte; Ärzte können deshalb nicht einfach davon ausgehen, dass sie die Präferenzen ihrer Patienten kennen. Sie müssen danach fragen.

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