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Arbeitsbedingungen in der Chirurgie : Auch der Halbgott braucht mal eine Pause

Und jetzt ist Pause: Der Direktor der Klinik für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, Benno Ure (links), und sein Team bei einer Operation Bild: dpa

Für viele Berufe sind Pausen vorgeschrieben. Nur Chirurgen dürfen pausenlos operieren, solange sie wollen. Ein Projekt an der Medizinischen Hochschule in Hannover will das ändern.

          Ein fensterloser Raum, hellgrün gekachelt bis zur Decke, der Boden ausgelegt mit sandfarbenem Linoleum, in der metallenen Schiebetür spiegelt sich das Licht der Neonröhren, überall murmelnde Stimmen, regelmäßig piepsen Blutdruckmessung und EKG-Gerät. Immer wieder klingelt in der Tasche des Anästhesisten ein Handy und durchbricht rücksichtslos die konzentrierte Stimmung im Operationssaal der Hannoveraner Kinderklinik. „Pause“, ruft plötzliche eine feste Männerstimme. Das Gemurmel wird lauter, grün bedeckte Köpfe schauen hoch und bewegen sich vorsichtig vom Operationstisch weg hin zu kleinen schwarzen Hockern.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit 40 Minuten operieren Benno Ure, der Chefarzt der Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule in Hannover, und sein Team einen einwöchigen Säugling, der mit einem großen Loch im Zwerchfell zur Welt gekommen ist. „Eine solche Operation auf kleinster Fläche verlangt ein hohes Maß an Konzentration von den beteiligten Chirurgen“, sagt Ure und setzt sich zu seinen beiden Assistenten auf die niedrigen Drehhocker. Dabei halten sie Arme und Hände dicht am Körper, um sich nicht unsteril zu machen. Ure schließt die Augen, die beiden anderen Chirurgen entspannen die Nackenmuskeln und tauschen mit der Operationsschwester ein paar belanglose, aber heitere Sätze aus.

          „Die subjektive Einschätzung bestätigt die objektiven Parameter“

          Nach einigen tiefen Atemzügen schaut Ure zur Uhr auf der anderen Seite des Raums. „Weiter geht’s“, sagt er und kehrt zum Operationstisch zurück. Vor ihm und seinem Team liegen, wenn alles nach Plan läuft, noch etwa 90 Minuten höchster Anspannung, bevor der Säugling mit einem kleinen Netz im Zwerchfell die Chance bekommt, gesund aufzuwachsen.

          Was in Hannover zum Alltag der Chirurgen gehört, ist in den meisten deutschen Operationssälen undenkbar. Mehrstündige Eingriffe ohne Pause sind die Regel - obwohl eine Studie der Medizinischen Hochschule in Hannover ergeben hat, dass Chirurgen, die kurze Pausen einlegen, weniger Fehler machen. Die Studie erfasst 50 minimalinvasive Eingriffe bei Kindern. Während dieser Operationen legten die Mediziner alle 25 Minuten eine fünfminütige Pause ein. „Dabei haben wir uns an dem Sherpa-Schema orientiert: Bergsteiger, die bei anstrengenden Kletterabschnitten kurze Pausen einlegen, kommen sicherer zum Gipfel.“

          Bei den Chirurgen wurden während der Operationen die Herzfrequenz und über Speicheltests die Konzentration von Stresshormonen gemessen. Außerdem mussten sich die Operateure vor und nach dem Eingriff Leistungs- und Konzentrationstests unterziehen. Das Ergebnis war für die Mediziner überraschend. Die Chirurgen, die mit Pausen operierten, schütteten weniger Stresshormone aus als ihre Kollegen in der Kontrollgruppe, die durchoperierten. Auch machten sie bei den Konzentrationstests dreimal weniger Fehler. „Die subjektive Einschätzung bestätigt die objektiven Parameter“, sagt Ure. „Ich fühle mich nach fünf Stunden Operation mit Pausen lange nicht so kaputt wie nach pausenlosen Eingriffen.“

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