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Wandel der Apotheken : Mal schauen, was Ihre Krankenkasse zahlt

  • -Aktualisiert am

Dass sich der Hersteller der Medikamente laufend ändert, verunsichert viele Patienten Bild: LAIF

Weil Apotheker um ihre Existenz fürchten, wollen sie wieder näher an den Patienten. Dafür wollen sie auch manches machen, was jetzt Ärzte tun. Kassen und Mediziner ärgert das. Aber die Kunden könnten sich freuen.

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          Der ergraute ältere Mann hat seine Rezepte schon beim Eintreten durch die Glastür feste in der Hand. Wortlos streckt er sie der Apothekerin entgegen. Die scannt die rosa Zettel ein, blickt auf den modernen Bildschirm, dann wieder auf die Rezepte, dann wieder zurück auf den Bildschirm. Sie tippt und klickt und sagt erst nach einer ganzen Weile: „Ich müsste beides bestellen, heute Nachmittag wären die Medikamente da.“ - „Ich komme morgen wieder“, antwortet der Mann, nimmt sich noch eine Apothekenumschau vom kleinen Tisch und verlässt ohne weitere Worte die Frankfurter Apotheke.

          Von der Theke der Rosegger-Apotheke aus schaut man durch ein großes Glasfenster auf eine stark befahrene Straße, alle paar Minuten fährt eine U-Bahn vorbei. Der Verkaufsraum in dem niedrigen Flachbau ist nicht sehr groß. Auf dem Fußboden liegen Matten, die um Diskretion bitten. Am Schaufenster steht ein kleines Aquarium, in den Regalen präsentieren sich in bunten Packungen die Produkte verschiedener Kosmetikfirmen, vor der Kasse liegen Hustenbonbons und Traubenzucker.

          Die meisten Kunden an diesem Vormittag sind im fortgeschrittenen Alter und kommen wie der betagte Herr, um ein Rezept einzulösen. Dazwischen verlangt ein junger Mann nach Hustensaft, ein anderer sucht für seine verkrampften Muskeln nach einem Schmerzmittel, und eine Frau mit grauem Bob lässt sich eine Weile zu den Vor- und Nachteilen verschiedener Handcremes beraten.

          Bei Fehlern bleiben die Apotheker auf den Kosten sitzen

          Dieser routinierte Alltag in deutschen Apotheken wird jedoch in den letzten Jahren immer häufiger unterbrochen von Klagen, wie sie auch gerade die großgewachsene Dame an der Kasse der Frankfurter Apotheke laut äußert: „Das sieht ja schon wieder anders aus“, klagt sie, als das Medikament vor ihr auf dem Tresen liegt. Die Apothekerin könnte jetzt anfangen zu erklären, sie könnte von Rabattverträgen und Krankenkassen berichten und dass sie da nichts dagegen tun kann. Aber die Kundin fragt gar nicht weiter. Sie scheint sich an die wechselnde Optik der Medikamentenpackungen gewöhnt zu haben. Dorothea Böhm dagegen nicht. „Die Rabattverträge sind eines der größten Probleme, die wir haben“, sagt die Besitzerin der Rosegger-Apotheke.

          Eine Branche im Wandel: Früher wurden in den Apotheken die Medikamente noch selbst zusammengemischt
          Eine Branche im Wandel: Früher wurden in den Apotheken die Medikamente noch selbst zusammengemischt : Bild: Scherl/SZ Photo

          Die Verträge, die die Krankenkassen mit den Arzneimittelherstellern abschließen, machen den Apothekern das Leben kompliziert. Sie verpflichten die Apotheker nämlich, nur ganz bestimmte Medikamente herauszugeben. Das heißt, ein Patient von der Krankenkasse A bekommt nur das Medikament der Firma B. Patienten der Krankenkasse C erhalten dagegen Medikament D – obwohl alle das gleiche Leiden haben. Die Krankenkassen schließen die Rabattverträge mit vielen unterschiedlichen Herstellern. Manchmal gelten für zwei verschiedene Packungsgrößen sogar zwei verschiedene Rabattverträge. „Das ändert sich laufend und verunsichert die Patienten enorm“, beschwert sich Böhm. Während die Apotheker eine gefühlte Ewigkeit auf ihre Bildschirme starren, überprüfen sie, von welchen Herstellern die Tropfen sein müssen, die sie dem jeweiligen Kunden laut Rabattvertrag abgeben dürfen, und oft zusätzlich, welche davon überhaupt lieferbar sind. Tun sie das nicht sorgfältig, bleiben sie auf den Kosten sitzen – Nulltaxierung nennt man das.

          „Wir haben ein Nachwuchsproblem“

          Früher war das einfacher, erzählen die Mitarbeiterinnen der Rosegger-Apotheke. Da haben sie das Rezept entgegengenommen, sind zum Schrank gegangen, haben das Medikament herausgesucht und es dann dem Kunden gegeben. Heute müssen sie immer sagen: „Mal schauen, was Ihnen Ihre Krankenkasse zahlt.“ Die Frauen lachen, aber witzig finden sie es eigentlich nicht.

          „Noch nie war das Maß an Bürokratie so extrem hoch und gleichzeitig das Verhältnis zwischen Apotheken und Krankenkassen so stark belastet, wie heute“, sagt Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

          Diese zunehmende Bürokratisierung ist aber nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen die Apotheken in Deutschland stehen. Die Zahl der Apotheken hierzulande sinkt seit dem Jahr 2009. 2013 wurden in Deutschland 433 Apotheken geschlossen. Nur 174 haben neu eröffnet. „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, sagt Schmidt. Ein Grund dafür ist, dass sich viele junge Apotheker von den strikten Vorgaben eingeschränkt fühlen. „Sie sagen: Hier kann ich ja nichts mehr entscheiden. Stattdessen muss ich nur schauen, dass ich alles richtig mache und jeden einzelnen Paragrafen umsetze.“ Dazu kommt der Online-Handel, der die Apotheken im Bereich der Selbstmedikation unter Druck setzt. Antibiotikum gegen die Halsentzündung bekommt man nur mit Verschreibung des Arztes, am schnellsten bei der Apotheke um die Ecke, die Kopfwehtabletten für zwischendurch auch per Post freiverkäuflich nach Hause.

          Diskrete Gespräche hinter dem Tresen

          Um nicht noch mehr aus dem Stadtbild zu verschwinden und um ihren Kunden mehr zu bieten als nur einen drögen Blick in den Computer und das Vertrösten auf die nächste Lieferung, mussten die Apotheker sich etwas einfallen lassen. Seit Monaten schon suchen sie auf die Fragen, wie es weitergehen und wie die Zukunft der Apotheken aussehen soll, eine Antwort. Nun glauben sie, eine gefunden zu haben. Auf dem Apothekertag in München verabschiedeten sie in dieser Woche das Perspektivpapier „Apotheke 2030“. Vereinfacht gesagt, lautet ihre Lösung: weg vom Gesundheitskaufhaus, hin zum Patienten. „Für uns ist die Apotheke in erster Linie eine Gesundheitseinrichtung. Als solche sollte sie erkennbar sein. Sie muss ihren Unterschied zum Drogeriemarkt, zum Lebensmittelmarkt oder zum Gesundheitskaufhaus deutlich machen“, erklärt Präsident Schmidt das Ziel.

          Die Apotheken wollen sich wieder mehr auf die Patienten konzentrieren: „Wir glauben, dass sich die Aufgabe des Apothekers nicht darin erschöpft, dass er Arzneimittel an Patienten abgibt und ihnen die richtige Einnahme erklärt“, sagt Schmidt. „Der Apotheker der Zukunft soll den Patienten durch die gesamte Behandlung hindurch begleiten.“

          Zur Sprechstunde nicht nur in die Arztpraxis, sondern auch in die Apotheke - das könnte, geht es nach den Pharmazeuten, bald Realität werden. Die Apotheker wollen zukünftig vor allem Patienten, die zahlreiche unterschiedliche Pillen und Tabletten nehmen müssen, intensiver beraten. Wer einen Termin hat, soll sich ausführlich mit dem Mann im weißen Kittel hinter dem Tresen besprechen können. Dazu sollen sich Apotheker und Patient in diskrete Beratungsräume zurückziehen und Fragen erörtern wie: Kommen Sie mit Ihren Medikamenten zurecht? Haben sich Ihre Lebensumstände geändert, müsste man daran vielleicht Ihre Medikamente anpassen? „Wir wollen eine feste Beziehung zu den Patienten aufbauen und auch unabhängig von der Abgabe von Arzneimitteln immer wieder mit ihnen sprechen.“

          Apotheker könnten künftig auch Folgerezepte ausstellen

          Dorothea Böhm ist zurückhaltender, was die Pläne für die Zukunft angeht. Das mit der Beratung sei ein zweischneidiges Schwert. „Wir beraten sehr, sehr gerne, aber nicht alle Kunden wünschen eine ausführliche Beratung. Manche reagieren sogar beleidigt. Gleichzeitig muss man auch aufpassen, dass das nicht von Menschen, die einfach nur reden wollen, ausgenutzt wird. Dafür haben wir schlicht keine Zeit.“

          Doch das verfasste Papier sieht nicht nur vor, dass sich die Apotheker mehr mit den Patienten beschäftigen, sondern auch mit den Ärzten. Die Apotheker wollen sich und ihre Qualifikation mehr einbringen, sie wollen Teil des „therapeutischen Teams“ sein. So, wie es heute für Hausärzte normal ist, einen Facharzt-Kollegen um Rat zu bitten, sollen sich die Ärzte zukünftig auch mit den Apothekern beraten. „Die Entscheidung über die Therapie treffen immer die Ärzte, aber wir werden zukünftig Entscheidungsempfehlungen vorbereiten und den Ärztinnen und Ärzten übermitteln“, sagt Schmidt. Von den Krankenkassen verlangt er mehr Handlungsspielraum. Im Gegensatz sei man bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen.

          Heute werden Pillen im Discount-Gesundheitskaufhaus verkauft
          Heute werden Pillen im Discount-Gesundheitskaufhaus verkauft : Bild: Wonge Bergmann

          Schmidt könnte sich auch vorstellen, dass die Apotheker zukünftig Folgerezepte ausstellen. Gleichzeitig warnt er aber auch: „Wir müssen aufpassen, dass wir die Schrittfolge einhalten, um die Beteiligten nicht mit Botschaften zu verunsichern, die mittelfristig im deutschen System nicht realistisch sind.“ Denn Schmidt weiß: „Wir rühren hier an sehr festgefügten und über viele, viele Jahre eingeführten, auch ritualisierten Abläufen.“

          Keine Beratungsteams mehr aus Medizinern und Apothekern

          Ärzte und Krankenkassen zeigen sich dementsprechend auch nicht enthusiastisch gegenüber den Apotheker-Plänen. Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sagt, dass sich die KBV beim Thema „Apotheke 2030“ bisher zurückgehalten habe und dies auch weiter tun wolle. Er verweist aber darauf, dass Ärzte und Apotheker vor Ort in der Regel gut zusammenarbeiten. Dirk Heinrich, Vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, sagt: „Wir unterstützen die Anstrengungen der Apotheker um ein besseres Beratungsangebot, insbesondere hinsichtlich Wechselwirkungen von Medikamenten.“ Aber: „Die Verordnung ist und bleibt Aufgabe des Arztes.“

          Die Krankenkassen äußern ihren Unmut am deutlichsten, denn die Apotheker wollen zukünftig für ihre zusätzlichen Beratungsaufgaben auch zusätzlich bezahlt werden. Aus Sicht der Krankenkassen ist das aber keine Zusatzarbeit, sondern der Versuch, sich eine bisherige „Kernaufgabe“ doppelt bezahlen zu lassen. Das „wirft Fragen nach dem Berufsverständnis der Apotheker auf“ und befremde doch sehr, sagt Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen.

          Apothekerin Böhm aus Frankfurt sieht das anders: „So ein zusätzliches Beratungsprogramm könnten wir nur anbieten, wenn wir dafür auch bezahlt würden.“ Der Vernetzung mit den Ärzten steht sie ohnehin skeptisch gegenüber. In der Vergangenheit hat sie nur allzu oft miterlebt, wie grantig Ärzte werden können, wenn man ihre Verordnungen kommentiert. Für Böhm ist das „therapeutische Team“ aus Mediziner und Apotheker nicht realisierbar. Zur Verdeutlichung greift sie unter die Theke und holt einen Stapel Rezepte hervor, die alle seit dem vorherigen Mittag bei ihr abgegeben wurden. Sie legt eins nach dem anderen auf die Theke. Auf fast jedem Rezept ist der Stempel einer anderen Arztpraxis gedruckt. Manche davon kennt Böhm, andere nicht. „In der Großstadt kriegen Sie so einen engen Kontakt zwischen Ärzten und Apothekern niemals hin. Die Apotheken- und Ärztedichte ist einfach zu groß. Ich sehe auch nicht, wie wir das personell leisten könnten.“

          Homöopathie als zweites Standbein

          Für den ABDA-Präsidenten Schmidt ist das Perspektivpapier „Apotheke 2030“ das Modell der Zukunft, an dem sich alle Apotheken orientieren sollen. „Jede andere vorstellbare Entwicklung - ob das Gesundheitskaufhaus oder der Online-Arzneimittelhandel - ist für uns weniger zukunftsweisend als das Modell, das wir beschreiben.“ Um die zukünftigen Apotheker besser auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten, soll auch das Pharmazie-Studium verlängert werden.

          Dorothea Böhm sieht ihre Zukunft dagegen in dem Zusammenspiel zwischen dem üblichen Apothekenbetrieb und den homöopathischen Mitteln, ihrem zweiten Standbein. Hier hat sich die Rosegger-Apotheke einen guten Ruf erarbeitet. „Ich sage immer: Zum Glück leben wir nicht von den Krankenkassen.“

          In diesem Moment betritt eine betagte Dame mit verschiedenen Tüten in der Hand die Apotheke. Sie will wieder ihr homöopathisches Mittel für die Konzentration kaufen, nur leider kann sie sich nicht mehr sicher erinnern, wie es heißt. Mit ein paar Klicks kann Böhm nachschauen, was die Stammkundin im Juni gekauft hat, und holt die Tabletten aus dem Lager. „Die sehen aber anders aus“, sagt die Frau skeptisch. Nicht immer ist die Krankenkasse schuld.

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