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Wandel der Apotheken : Mal schauen, was Ihre Krankenkasse zahlt

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Heute werden Pillen im Discount-Gesundheitskaufhaus verkauft
Heute werden Pillen im Discount-Gesundheitskaufhaus verkauft : Bild: Wonge Bergmann

Schmidt könnte sich auch vorstellen, dass die Apotheker zukünftig Folgerezepte ausstellen. Gleichzeitig warnt er aber auch: „Wir müssen aufpassen, dass wir die Schrittfolge einhalten, um die Beteiligten nicht mit Botschaften zu verunsichern, die mittelfristig im deutschen System nicht realistisch sind.“ Denn Schmidt weiß: „Wir rühren hier an sehr festgefügten und über viele, viele Jahre eingeführten, auch ritualisierten Abläufen.“

Keine Beratungsteams mehr aus Medizinern und Apothekern

Ärzte und Krankenkassen zeigen sich dementsprechend auch nicht enthusiastisch gegenüber den Apotheker-Plänen. Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sagt, dass sich die KBV beim Thema „Apotheke 2030“ bisher zurückgehalten habe und dies auch weiter tun wolle. Er verweist aber darauf, dass Ärzte und Apotheker vor Ort in der Regel gut zusammenarbeiten. Dirk Heinrich, Vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, sagt: „Wir unterstützen die Anstrengungen der Apotheker um ein besseres Beratungsangebot, insbesondere hinsichtlich Wechselwirkungen von Medikamenten.“ Aber: „Die Verordnung ist und bleibt Aufgabe des Arztes.“

Die Krankenkassen äußern ihren Unmut am deutlichsten, denn die Apotheker wollen zukünftig für ihre zusätzlichen Beratungsaufgaben auch zusätzlich bezahlt werden. Aus Sicht der Krankenkassen ist das aber keine Zusatzarbeit, sondern der Versuch, sich eine bisherige „Kernaufgabe“ doppelt bezahlen zu lassen. Das „wirft Fragen nach dem Berufsverständnis der Apotheker auf“ und befremde doch sehr, sagt Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen.

Apothekerin Böhm aus Frankfurt sieht das anders: „So ein zusätzliches Beratungsprogramm könnten wir nur anbieten, wenn wir dafür auch bezahlt würden.“ Der Vernetzung mit den Ärzten steht sie ohnehin skeptisch gegenüber. In der Vergangenheit hat sie nur allzu oft miterlebt, wie grantig Ärzte werden können, wenn man ihre Verordnungen kommentiert. Für Böhm ist das „therapeutische Team“ aus Mediziner und Apotheker nicht realisierbar. Zur Verdeutlichung greift sie unter die Theke und holt einen Stapel Rezepte hervor, die alle seit dem vorherigen Mittag bei ihr abgegeben wurden. Sie legt eins nach dem anderen auf die Theke. Auf fast jedem Rezept ist der Stempel einer anderen Arztpraxis gedruckt. Manche davon kennt Böhm, andere nicht. „In der Großstadt kriegen Sie so einen engen Kontakt zwischen Ärzten und Apothekern niemals hin. Die Apotheken- und Ärztedichte ist einfach zu groß. Ich sehe auch nicht, wie wir das personell leisten könnten.“

Homöopathie als zweites Standbein

Für den ABDA-Präsidenten Schmidt ist das Perspektivpapier „Apotheke 2030“ das Modell der Zukunft, an dem sich alle Apotheken orientieren sollen. „Jede andere vorstellbare Entwicklung - ob das Gesundheitskaufhaus oder der Online-Arzneimittelhandel - ist für uns weniger zukunftsweisend als das Modell, das wir beschreiben.“ Um die zukünftigen Apotheker besser auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten, soll auch das Pharmazie-Studium verlängert werden.

Dorothea Böhm sieht ihre Zukunft dagegen in dem Zusammenspiel zwischen dem üblichen Apothekenbetrieb und den homöopathischen Mitteln, ihrem zweiten Standbein. Hier hat sich die Rosegger-Apotheke einen guten Ruf erarbeitet. „Ich sage immer: Zum Glück leben wir nicht von den Krankenkassen.“

In diesem Moment betritt eine betagte Dame mit verschiedenen Tüten in der Hand die Apotheke. Sie will wieder ihr homöopathisches Mittel für die Konzentration kaufen, nur leider kann sie sich nicht mehr sicher erinnern, wie es heißt. Mit ein paar Klicks kann Böhm nachschauen, was die Stammkundin im Juni gekauft hat, und holt die Tabletten aus dem Lager. „Die sehen aber anders aus“, sagt die Frau skeptisch. Nicht immer ist die Krankenkasse schuld.

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