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Wandel der Apotheken : Mal schauen, was Ihre Krankenkasse zahlt

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Diese zunehmende Bürokratisierung ist aber nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen die Apotheken in Deutschland stehen. Die Zahl der Apotheken hierzulande sinkt seit dem Jahr 2009. 2013 wurden in Deutschland 433 Apotheken geschlossen. Nur 174 haben neu eröffnet. „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, sagt Schmidt. Ein Grund dafür ist, dass sich viele junge Apotheker von den strikten Vorgaben eingeschränkt fühlen. „Sie sagen: Hier kann ich ja nichts mehr entscheiden. Stattdessen muss ich nur schauen, dass ich alles richtig mache und jeden einzelnen Paragrafen umsetze.“ Dazu kommt der Online-Handel, der die Apotheken im Bereich der Selbstmedikation unter Druck setzt. Antibiotikum gegen die Halsentzündung bekommt man nur mit Verschreibung des Arztes, am schnellsten bei der Apotheke um die Ecke, die Kopfwehtabletten für zwischendurch auch per Post freiverkäuflich nach Hause.

Diskrete Gespräche hinter dem Tresen

Um nicht noch mehr aus dem Stadtbild zu verschwinden und um ihren Kunden mehr zu bieten als nur einen drögen Blick in den Computer und das Vertrösten auf die nächste Lieferung, mussten die Apotheker sich etwas einfallen lassen. Seit Monaten schon suchen sie auf die Fragen, wie es weitergehen und wie die Zukunft der Apotheken aussehen soll, eine Antwort. Nun glauben sie, eine gefunden zu haben. Auf dem Apothekertag in München verabschiedeten sie in dieser Woche das Perspektivpapier „Apotheke 2030“. Vereinfacht gesagt, lautet ihre Lösung: weg vom Gesundheitskaufhaus, hin zum Patienten. „Für uns ist die Apotheke in erster Linie eine Gesundheitseinrichtung. Als solche sollte sie erkennbar sein. Sie muss ihren Unterschied zum Drogeriemarkt, zum Lebensmittelmarkt oder zum Gesundheitskaufhaus deutlich machen“, erklärt Präsident Schmidt das Ziel.

Die Apotheken wollen sich wieder mehr auf die Patienten konzentrieren: „Wir glauben, dass sich die Aufgabe des Apothekers nicht darin erschöpft, dass er Arzneimittel an Patienten abgibt und ihnen die richtige Einnahme erklärt“, sagt Schmidt. „Der Apotheker der Zukunft soll den Patienten durch die gesamte Behandlung hindurch begleiten.“

Zur Sprechstunde nicht nur in die Arztpraxis, sondern auch in die Apotheke - das könnte, geht es nach den Pharmazeuten, bald Realität werden. Die Apotheker wollen zukünftig vor allem Patienten, die zahlreiche unterschiedliche Pillen und Tabletten nehmen müssen, intensiver beraten. Wer einen Termin hat, soll sich ausführlich mit dem Mann im weißen Kittel hinter dem Tresen besprechen können. Dazu sollen sich Apotheker und Patient in diskrete Beratungsräume zurückziehen und Fragen erörtern wie: Kommen Sie mit Ihren Medikamenten zurecht? Haben sich Ihre Lebensumstände geändert, müsste man daran vielleicht Ihre Medikamente anpassen? „Wir wollen eine feste Beziehung zu den Patienten aufbauen und auch unabhängig von der Abgabe von Arzneimitteln immer wieder mit ihnen sprechen.“

Apotheker könnten künftig auch Folgerezepte ausstellen

Dorothea Böhm ist zurückhaltender, was die Pläne für die Zukunft angeht. Das mit der Beratung sei ein zweischneidiges Schwert. „Wir beraten sehr, sehr gerne, aber nicht alle Kunden wünschen eine ausführliche Beratung. Manche reagieren sogar beleidigt. Gleichzeitig muss man auch aufpassen, dass das nicht von Menschen, die einfach nur reden wollen, ausgenutzt wird. Dafür haben wir schlicht keine Zeit.“

Doch das verfasste Papier sieht nicht nur vor, dass sich die Apotheker mehr mit den Patienten beschäftigen, sondern auch mit den Ärzten. Die Apotheker wollen sich und ihre Qualifikation mehr einbringen, sie wollen Teil des „therapeutischen Teams“ sein. So, wie es heute für Hausärzte normal ist, einen Facharzt-Kollegen um Rat zu bitten, sollen sich die Ärzte zukünftig auch mit den Apothekern beraten. „Die Entscheidung über die Therapie treffen immer die Ärzte, aber wir werden zukünftig Entscheidungsempfehlungen vorbereiten und den Ärztinnen und Ärzten übermitteln“, sagt Schmidt. Von den Krankenkassen verlangt er mehr Handlungsspielraum. Im Gegensatz sei man bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen.

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