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Ansteckung mit HIV : Risiko Schwulsein

Zur Anonymität verdammt: Schwule in Kenia können noch immer nicht ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen Bild: dpa

Lange wurde in Afrika unterschätzt, welche Rolle der Sex zwischen Männern bei der Verbreitung von Aids spielt – auch weil Homosexualität ein Tabuthema ist. In Kenia setzt nun ein Umdenken ein.

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          Ali Chege wuchs in dem festen Glauben auf, dass nur Frauen HIV übertragen können. „Jeder bei mir zu Hause wusste das.“ Dass er dann mit 14 erstmals Sex mit einem viel älteren Mann und ohne Kondom hatte, der ihm noch dazu Geld dafür gab, war für den heute Achtundzwanzigjährigen darum nicht nur irgendwie folgerichtig, er fand auch seine Profession. Ali Chege arbeitet seither als Stricher. Dem jungen Mann, der aus einem kleinen kenianischen Dorf stammt und entlang der Küste zwischen Mtwapa und Malindi sein Geld verdient, macht das nichts aus. Und schwul ist er ohnehin. Mit seiner Homosexualität geht er allerdings nicht offen um und auch nicht damit, dass er seit vielen Jahren an Aids erkrankt ist, obwohl er nie mit einer Frau geschlafen hat.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auch Peter heißt nur für seine Kunden Peter. Er ist 24, verkauft „zum Spaß“ seinen Körper und natürlich, um Geld zu verdienen, auch wenn er darüber hinaus als Friseur arbeitet. Die Männer, die zu ihm kommen, seien überwiegend verheiratet und hätten Kinder. „Sie verstehen sich als heterosexuell, auch wenn sie sich regelmäßig mit einem Mann einlassen.“ Peter hingegen ist für sie eine „Schwuchtel“, denn er übernimmt den passiven Part, das heißt, er lässt die Männer auch in sich eindringen. „Wer aktiv beim Sex ist, ist nach kenianischem Verständnis nicht schwul. Da geht’s nur um Befriedigung.“

          Peter ist stolz darauf, dass seine Kunden zu ihm kommen, weil er ihnen das geben kann, was ihnen ihre Frauen zu Hause verweigern. Dabei macht er immer wieder auch negative Erfahrungen. Erst vor ein paar Tagen wurde er von einem Mann brutal zusammengeschlagen. „Er wollte nicht bezahlen“, erzählt Peter. Als Schwuchtel kann er in so einem Fall kaum auf Unterstützung hoffen. Homosexuelle Handlungen sind in Kenia strafbar, Stricher sind nahezu rechtlos.

          Homosexualität stößt fast überall auf Ablehnung

          Schon der heterosexuelle Sex wird in Kenia tabuisiert. Aber über Sex zwischen Männern erfahren die Heranwachsenden überhaupt nichts. „Darüber wird weder zu Hause noch in der Schule und schon gar nicht in der Kirche gesprochen“, sagt Ali Chege. Schwule würden „mystifiziert“, sie gelten als gefährlich und vor allem als unafrikanisch. In der Gesellschaft stoßen sie fast überall auf Ablehnung. Selbst in Krankenhäusern werden sie, wenn sie zum Beispiel aufgrund ihrer Verletzungen als Schwule zu erkennen sind, oft nicht behandelt. Die Polizei wiederum nutze sie aus, sagt Ali Chege: „Die meisten von uns werden von Polizisten erpresst. Sie haben Sex mit uns und zahlen dann nicht, doch sie lassen uns dafür wenigstens in Ruhe.“

          Sex unter Männern, sagt Peter, sei weit verbreitet. Dann lacht er und sagt: „Von wegen unafrikanisch.“ Tatsächlich scheint der Sex unter Männern tief in der kenianischen Gesellschaft verwurzelt zu sein. In Suaheli gibt es viele Begriffe für ihn, „Karaga“ zum Beispiel oder „Kuruzi“. Dass er auch eine bedeutende Rolle bei der Übertragung von HIV in Afrika spielen könnte, wurde lange selbst von Aids-Experten im Rest der Welt kaum berücksichtigt, obwohl die Infektionskrankheit gerade in Europa und Nordamerika anfangs als reine Schwulenseuche galt. „Viele unserer Kunden glauben noch immer, dass Analverkehr völlig ungefährlich ist“, sagen Ali Chege und Peter, die sich mittlerweile beide für die Rechte von Homosexuellen einsetzen und jüngere Stricher über den Nutzen von Kondomen aufklären.

          Beschneidung bei Männern kann vor Ansteckung schützen

          Eduard Sanders ist Epidemiologe. Der Niederländer forscht seit fast 20 Jahren in Afrika zum Thema Aids. Seit gut zehn Jahren ist er in Kenia. Für die Internationale Initiative für einen Aids-Impfstoff (Iavi) soll er in Kilifi die Grundlagen für künftige Studien schaffen. Für einen Impfstoff, der an Menschen getestet wird, werden Probanden benötigt, die ein hohes Risiko haben, sich mit dem HI-Virus zu infizieren. „Anfangs“, erzählt Sanders, „haben wir mit HIV-diskordanten Paaren gearbeitet.“ Doch ihre Infektionsraten waren zu gering, obwohl einer von beiden HIV-positiv, der andere HIV-negativ ist. Einer der Gründe: An der Küste Kenias sind die meisten Männer beschnitten, und die Beschneidung kann vor einer Ansteckung schützen, da der an HIV-Zielzellen reiche Teil der Vorhaut entfernt ist. In Kenia konnten die Forscher leicht nachvollziehen, dass eine Beschneidung schützt. Die meisten Volksgruppen im Land kennen seit Jahrhunderten die rituelle Beschneidung, nicht so allerdings die Luo, die drittgrößte Ethnie im Land, die im Westen am Victoriasee leben. „Dort verzeichnen wir die Hälfte aller Infektionen in Kenia“, sagt Sanders.

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