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Angeborener Immundefekt : „Die B-Zellen antworten nicht“

  • -Aktualisiert am

Gefährliches Leben: Lisa Schröder in Berlin Bild: F.A.Z.-Christian Thiel

Etwa 100.000 Deutsche leben mit einem Immundefekt, doch viel wissen es gar nicht. Eine 31jährige Berlinerin leidet an der seltenen Variante CVID. Nun muß sie damit zurechtkommen, daß jede Infektion lebensbedrohlich sein kann.

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          Irgendeine Krankheit hatte sie immer. Auffällig, sagen die, die sie als Kind kannten, sei vor allem der Husten gewesen. Kehlig und schleimig, viel zu heftig für ein kleines Mädchen. Doch auch der chronische Schnupfen, die ständigen Entzündungen der Nasenneben- und der Stirnhöhlen und, am schlimmsten, die wiederkehrenden Lungenentzündungen waren nicht normal. In einem Schuljahr fehlte sie neun Wochen.

          Lisa Schröder (Name geändert) leidet an einem angeborenen Immundefekt, medizinisch korrekt: an einem „variablen humoralen Immundefektsyndrom“ (“Common Variable Immunodeficiency“, CVID). Das körpereigene Abwehrsystem, das gesunde Menschen davor bewahrt, schon bei flüchtigem Kontakt mit Viren und Bakterien zu erkranken, verweigert bei der Einunddreißigjährigen seinen Dienst. Deshalb bekommt sie viel häufiger als andere Infektionen. Und deshalb verlaufen sie bei ihr auch schwerer und werden sogar lebensbedrohlich.

          100.000 Deutsche mit primärem Immundefekt

          Gerät ein gesunder Mensch in Kontakt mit Krankheitserregern, beginnen die B-Zellen, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, umgehend mit der Produktion von Antikörpern. Den Auftrag dazu erhalten sie von den T-Lymphozyten, die ebenfalls zu den weißen Blutzellen gehören und direkt an der Erregerabwehr beteiligt sind. Bei Lisa Schröder melden die T-Zellen zwar auch, daß Antikörper hergestellt werden müssen. „Aber dann passiert nichts mehr“, sagt sie. „Die B-Zellen antworten nicht.“

          Gefährliches Terrain: Die Ansteckungsgefahr in der U-Bahn wäre zu groß
          Gefährliches Terrain: Die Ansteckungsgefahr in der U-Bahn wäre zu groß : Bild: dpa

          Lisa Schröder kann beinahe wie ein Facharzt über ihre Krankheit berichten. Sie weiß genau, was in ihrem Körper vorgeht. Das war nicht immer so. Da CVID kein eigenes Krankheitsbild aufweist, sondern in Gestalt scheinbar normaler Infektionen der Stirnhöhlen, Ohren oder der Lunge in Erscheinung tritt, dauert es oft Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. In Deutschland leben nach Schätzungen des Vereins „Deutsche Selbsthilfe Angeborene Immundefekte“ mehr als 100.000 Menschen mit einem primären Immundefekt - von ihnen sind aber nur 700 Patienten diagnostiziert. Inzwischen sind mehr als 100 verschiedene Immundefekte bekannt, CVID gehört zu den am häufigsten auftretenden Formen.

          Alle vier Wochen bekommt sie eine Lungenentzündung

          Auch bei Lisa Schröder denkt lange niemand an eine so seltene Krankheit. Mit 15 wird der Husten, unter dem sie als Kind ständig leidet, so stark, daß ihre Eltern sie zu einem Lungenarzt schicken. Er findet Bronchiektasen, krankhafte Ausweitungen von Teilen des Bronchialsystems, in denen sich vermehrt Schleim absetzt, was wiederum die Entstehung schwerer Infektionen begünstigt. Eine Operation lehnen die Eltern ab. In den nächsten Jahren muß Lisa mit ihrer Krankheit zurechtkommen. Als sie 20 ist, verschlimmert sich ihr Gesundheitszustand drastisch. Alle vier Wochen bekommt sie eine Lungenentzündung. Die Ärztin, bei der sie in Behandlung ist, verschreibt ihr ein starkes Antibiotikum und schickt sie zur Kur nach Davos. „Das war zwar wie in Thomas Manns ,Zauberberg', nur gebracht hat es leider nichts.“

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