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Studie zu Abtreibungen : Fünf Jahre nach der Abtreibung überwiegt Erleichterung

  • -Aktualisiert am

In Amerika variieren die Bedingungen für eine Abtreibung von Bundesstaat zu Bundesstaat. Hier demonstrieren im Mai 2019 Abtreibungsbefürworter vor dem Supreme Court in Washington. Bild: Reuters

Eine große Mehrheit der Frauen, die abtreiben, ist fünf Jahre später zufrieden mit ihrer Entscheidung. Das fand eine amerikanische Studie heraus. Eine deutsche Medizinerin erklärt, warum sie relevant ist.

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          Auch fünf Jahre nach einer Abtreibung überwiegt bei einer großen Mehrheit der Frauen das Gefühl der Erleichterung. Dies ergab eine unlängst in den Vereinigten Staaten veröffentlichte Studie, für die über fünf Jahre 667 Frauen alle sechs Monate zu ihrem psychischen Befinden nach dem Schwangerschaftsabbruch befragt wurden. Das Fachblatt „Social Science & Medicine“ veröffentlichte jetzt die Forschungsergebnisse der Medizinerin Corinne Rocca. Gemeinsam mit ihrem Forschungsteam an der Universität von Kalifornien analysierte sie die Daten der „Turnaway-Studie“, einer Studie zu Langezeitfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen.

          Die Analyse umfasste Frauen aus 21 amerikanischen Bundesstaaten mit einem Altersdurchschnitt von 25 Jahren. Nach fünf Jahren nahmen noch 37 Prozent der ursprünglich 667 Befragten teil. Die Frauen berichteten, dass im Laufe der Zeit sowohl die negativen, als auch die positiven Gefühle zum Schwangerschaftsabbruch schwanden. 95 Prozent der Frauen bezeichneten die Abtreibung bis zum Ende des Befragungszeitraums als richtige Entscheidung. 

          Politischer Hintergrund

          Der Hintergrund der Studie ist neben dem medizinischen Faktor auch ein politischer. In den Vereinigten Staaten haben sich in den letzten Jahren die Abtreibungsgesetze in zahlreichen Bundesstaaten drastisch verschärft. Das äußert sich häufig in den Informationsvorgängen, die die Frauen vor der Abtreibung durchlaufen müssen. So wird in acht amerikanischen Staaten verpflichtend Material an die Betroffenen vor der Abtreibung ausgeteilt, das die Behauptung enthält, Abtreibungen verursachten langwierige körperliche und psychische Schäden – trotz zahlreicher repräsentativer Studien, die das Gegenteil beweisen.

          In den meisten Fällen liege dieser Argumentation gegen Abtreibungen ein paternalistischer oder religiöser Gedanke zugrunde, schreibt die Medizinerin Rocca in der Einleitung ihrer Veröffentlichung. Demnach vertreten Abtreibungsgegner häufig die Meinung, es läge in der Natur der Frau, Kinder zu gebären und ein „künstlicher“ Abbruch dieser Verbindung müsse zu Schaden führen.

          Das österreichische „Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik“ folgt einer ähnlichen Argumentation. Das Institut beschäftigt sich auf Basis “einer christlichen Menschenbildes“ mit Forschungsfragen in den Bereichen Medizin und Ethik und klärt auf seiner Webseite über das sogenannte „Post-Abortion-Syndrome“ (PAS) auf – ein Begriff, der Studien wie der der Universität von Kalifornien widerspricht: „Die Tötung eines ungeborenen Kindes im Mutterleib stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die natürlichen Eingriffe des weiblichen Organismus dar.“ Laut einer dort aufgeführten Studie, die im eigenen Quartalsblatt 1993 veröffentlicht wurde, hätten ungefähr 80 Prozent der Frauen von „schweren psychischen Spätfolgen“ berichtet.

          Die Frauen stehen zu der Entscheidung

          Gerade weil es immer wieder Studien gäbe, die belegen wollen, dass Frauen nach der Abtreibung depressiv werden oder schwere psychische Schäden davon tragen, sei es wichtig, ihnen Studien wie die von Corinne Rocca entgegenzusetzen, sagt die Medizinerin Claudia Schumann, Vizevorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Schumann betont, dass es sich bei einer Abtreibung um ein einschneidendes Ereignis für die Frauen handele, von denen viele besonders im ersten Jahr betroffen seien, „aber letztlich stehen die Frauen zu der Entscheidung“.

          Die Studie von Rocca bestätigt, was zahlreiche internationale Studien belegen: „Die beste wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass bei erwachsenen Frauen, die ungeplant schwanger werden, das relative Risiko für seelische Probleme nach einer einmaligen Abtreibung im ersten Trimester nicht höher ist, als wenn sie das Kind austragen“, resümierte bereits 2008 eine Arbeitsgruppe des amerikanischen Psychologenverbands nach der Auswertung dutzender Studien.

          31 Prozent befürchteten eine Stigmatisierung 

          Trotzdem gibt es immer wieder eine gewisse Gruppe von Frauen, die von psychischen Belastungen nach der Abtreibung berichten. „Man weiß aus Studien, dass letztendlich die psychosoziale Situation, in der eine Frau sich befindet, wenn sie ungewollt schwanger ist und sich zur Abtreibung entscheidet, darüber bestimmt, wie sie es verarbeitet“, sagt Schumann. Die sogenannten „vulnerablen“ Gruppen, also jene Frauen, die durch ihre sozialen Lebensumstände vorbelastet sind, können eher unter der zusätzlichen Belastung einer Abtreibung leiden. Die psychischen Folgen seien dann aber nicht alleine auf die Abtreibung zurückzuführen, sagt Schumann.

          Auch in Deutschland bestehe ein großer Bedarf darin, zu untersuchen, wie man Frauen, die  Verarbeitung einer Abtreibung erleichtern kann. Laut den Forschungsergebnissen von Rocca waren es 27 Prozent der 667 Befragten, denen die Entscheidung für eine Abtreibung entweder schwer oder sehr schwergefallen ist. 31 Prozent befürchteten eine Stigmatisierung, sollte die Abtreibung bekannt werden.

          Hier sieht Schumann einen Ansatz, den betroffenen Frauen zu helfen: „Mehr Offenheit mit dem Thema hilft den Frauen die Abtreibung besser zu verarbeiten“, sagt Schumann, denn Stigmatisierungen blieben weiterhin ein großes Thema. Sowohl die durchführenden Gynäkologen, als auch die betroffenen Frauen würden immer wieder erfahren, dass sie nicht öffentlich über die Abtreibung reden können, sagt Schumann.

          Die Bundesregierung hat für den Zeitraum zwischen 2020 und 2023 fünf Millionen Euro für künftige Studien bereitgestellt, die die psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen erforschen. Der Entschluss der Bundesregierung zu dieser Studie folgte auf die Lockerung des Paragrafen 219a, der „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ verbietet, jedoch selbst in der Kritik stand, Informationen für Frauen, die eine Abtreibung wünschen, nur erschwert zugänglich zu machen.

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