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Alzheimer-Forschung : Scheren im Kopf

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Christian Haass gehört zu den führenden Alzheimerforschern Bild: Jan Roeder

Alzheimer-Forscher Christian Haass hat Hoffnung, daß die Volkskrankheit besiegt werden kann. Zugleich fordert er dazu auf, sich auf eine steigende Anzahl Demenzkranker vorzubereiten. Im Interview erzählt er über Ursachen und Heilungschancen von Alzheimer.

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          Vor hundert Jahren hat der deutsche Psychiater Alois Alzheimer zum ersten Mal eine neue Gehirnkrankheit beschrieben, die heute weltbekannt ist, weil sie in alternden Gesellschaften zur Volkskrankheit wird. Christian Haass zählt zu den führenden Alzheimerforschern. Nach Stationen in Heidelberg und Harvard ist er seit 1999 Professor für Stoffwechselbiochemie der Ludwig-Maximillians-Universität München. Im Interview mit der F.A.Z. erzählt er über Ursachen, Folgen und Heilungschancen der Demenzkrankheit.

          Stimmt der Vorwurf, den Forscher wie Sie zum 100. Jahrestag hören müssen, daß die Wissenschaft Alzheimer-Kranken noch immer nichts zu bieten hat?

          Natürlich können wir den Kranken von heute noch keine fertigen Medikamente bieten. Aber wir haben die Mechanismen der Erkrankung so weit verstanden, daß wir gezielt nach therapeutischen Ansätzen suchen und die Krankheit an der Wurzel packen. Vor fünfzehn Jahren hatte ich noch keine Hoffnung, daß wir die Erkrankung jemals in den Griff bekommen. Inzwischen gehört die Alzheimer-Krankheit zu den am besten untersuchten und verstandenen Gehirnerkrankungen.

          Was aber passiert, wenn die Suche nach Therapien noch länger erfolglos bleibt?

          Dann kommen unvorstellbare Patientenzahlen auf uns zu. Schon heute gibt es einen Pflegenotstand. In den Heimen arbeiten viel zu wenige Fachkräfte, die wissen, wie man mit Demenzkranken gut umgeht. Wie soll das morgen aussehen? Trotzdem spielen in der Gesundheitsreform Alterung und Demenz nur eine marginale Rolle. Eine spektakuläre Anhörung vor dem Bundestag sollte es geben, damit die Gesellschaft endlich aufwacht.

          Ich habe kürzlich mit Hillary Clinton über das Thema gesprochen, als mir das Versicherungsunternehmen MetLife einen Wissenschaftspreis verlieh. Sie erzählte mir beim Cocktail, daß noch zehn Jahre bleiben, um das Land auf die kollektive Alterung vorzubereiten und die Demenzkrankheit zu besiegen, sonst wird die amerikanische Volkswirtschaft daran zugrunde gehen. Sie erwarten im Jahr 2050 mehr als zehn Millionen Demenzpatienten, wenn die Wissenschaft nichts findet. Bei uns stellt sich die gleiche Frage: Wer soll diese Menschen pflegen?

          In Deutschland werden zwei Drittel der Demenzkranken in Familien gepflegt.

          Deshalb ist es ja so beunruhigend, wenn sich die Familienstrukturen immer weiter auflösen, wenn Menschen sich zu leichtfertig trennen und die Kinderzahlen zurückgehen. Bei all den Freiheitsbestrebungen unserer Zeit wird vergessen, was nur eine Familie leisten kann. Die Menschen werden sich später umschauen, wenn sie im Alter von der Demenz eingeholt werden und keiner da ist, der sich um sie kümmert, oder wenn nur ein Pflegesystem da ist, das unbezahlbar ist. Vierundzwanzig Stunden mit einem Demenzkranken zusammenzuleben ist schon für Ehepartner oder Kinder kaum zu ertragen. Da darf man nicht damit rechnen, daß Freunde als Ersatz einspringen. Wer keine Familie hat, muß ins Heim.

          Warum könnte die Zahl der Demenzkranken überhaupt so stark zunehmen?

          Am Zeitpunkt, an dem eine Demenz einsetzt, hat sich nichts geändert. Das passiert meist zwischen dem siebzigsten und dem achtzigsten Lebensjahr. Aber die Lebenserwartung steigt stark in Richtung hundert Jahre. Es wird also immer mehr Alte geben. Die Menschen von heute sind medizinisch und hygienisch versorgt. Sie hatten in der Regel keine Knochenarbeit mehr zu verrichten. Ihre Herzen sind mit Bypässen und Schrittmachern gestärkt. Für viele Betroffene verlängert die gesteigerte Lebenserwartung nur die Zeit der Demenz. Denn an der Demenz als solcher stirbt man nicht.

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