https://www.faz.net/-gum-7cji1

Altenpflege : Herein, Herr Dr. dent!

Ein eingespieltes Team: Der Frankfurter Zahnarzt Giesbert Schulz-Freywald behandelt seine Patientin Annemarie Heiser. Bild: Röth, Frank

Bei der Pflege alter Menschen werden sie oft vergessen: die Zähne. Immer öfter kommt der Zahnarzt jetzt nach Hause.

          6 Min.

          Annemarie Heiser sitzt in ihrem Wohnzimmer auf einem alten hölzernen Esstischstuhl und wartet. Ihr graues lichtes Haar hat sie zurückgekämmt, die Vorhänge am Fenster zur Seite geschoben, so dass die Sonne ihr ins Gesicht scheint. Besuch hat sich für den Nachmittag angekündigt, und Heiser hat alles vorbereitet: Auf dem Esstisch liegen Handtücher. Eine Kanne mit Wasser, eine tiefe Metallschüssel, eine kleine Lampe und ein Becher stehen bereit.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Annemarie Heiser ist neunundachtzig Jahre alt und geistig topfit, einzig mit dem Gehen und Stehen klappt es nicht mehr so. Aber sie will sich nicht beschweren, „mir geht’s gut für mein Alter“, murmelt sie. Nur die Zahnprothese drückt momentan, rechts oben und links vorne. Beim Essen und Reden hat sie Schmerzen. Doch zum Zahnarzt kann sie eigenständig nicht mehr gehen. Nach mehreren Brüchen und einer Hüftoperation ist der Weg dorthin zu beschwerlich, also kommt Giesbert Schulz-Freywald heute zu ihr.

          Zahnärzte auf Hausbesuch

          Seine Zahnarztpraxis in Frankfurt liegt nur zwei Straßen entfernt von der kleinen seniorengerechten Wohnung seiner Patientin. „Frau Heiser aber in meine Praxis mit einem Krankentransport zu bringen würde trotzdem um die 400 Euro kosten“, sagt Zahnarzt Schulz-Freywald. Er kommt herein, gibt seiner Patientin die Hand und legt den silbernen Metallkoffer auf dem dunklen Federkernsofa ab. Hausbesuche zählen immer häufiger zu den Aufgaben eines Zahnarztes. Was für Hausärzte schon seit jeher zur Versorgung ihrer Patienten dazugehört, trifft nun ebenso die Zahnärzte. Auch ihre Patienten werden älter und immobiler, leben in Seniorenresidenzen oder Heimen, sind Pflegefälle oder haben einfach niemanden mehr. Ein Besuch beim Zahnarzt ist für sie nicht zu bewältigen.

          Früher hatten Menschen in diesem Alter häufig gar keine Zähne mehr oder eine Vollprothese. Schlechte oder schmerzende Beißer gehörten zu diesem Lebensabschnitt. Darüber klagte man nicht. Doch das hat sich geändert. Ältere Menschen besitzen heute häufiger noch ihre eigenen Zähne, zumindest einen Teil davon. „Sie haben gelernt, ihre Zähne zu pflegen. Sie legen Wert auf ein gesundes Gebiss und wissen, dass dies zu einer guten Lebensqualität beiträgt“, sagt Michael Frank, Präsident der Landeszahnärztekammer Hessen. „Und sie haben ein Recht auf eine qualitativ hochwertige zahnmedizinische Behandlung und Vorsorge wie der Rest der Bevölkerung auch. Doch durch die momentanen politischen Rahmenbedingungen wird ihnen gerade die Prävention häufig vorenthalten.“

          Kein Minusgeschäft mehr

          Bis zum April dieses Jahres bekamen Zahnärzte den apparativen und zeitlichen Mehraufwand bei Versorgung des Patienten vor Ort, im Pflegeheim oder zu Hause nämlich „gar nicht honoriert“, wie Frank sagt. Die Krankenkassen unterschieden nicht, ob die Behandlung in der Praxis oder - verbunden mit mehr Zeitaufwand - im Umfeld des Patienten stattfand. Nur eine sogenannte „Besuchgebühr“ und Wegegeld durften nach einer Visite daheim bei den Patienten abgerechnet werden. Doch das sei dem Aufwand, den ein Zahnarzt tatsächlich bei einem Haus- oder Heimbesuch hat, nicht gerecht geworden, sagt Frank. Den Patienten außerhalb der Praxis zu versorgen, lohnte sich schlichtweg wirtschaftlich nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mord an Fritz von Weizsäcker : Aus Abneigung gegen den Vater

          Der Mörder von Fritz von Weizsäcker ist offenbar psychisch krank. Die Messerattacke auf den Sohn des früheren Bundespräsidenten soll er im Detail geplant haben. Sein angebliches Motiv wirft Fragen auf.
          Ministerpräsident Armin Laschet in der Staatskanzlei in Düsseldorf

          Armin Laschet im Interview : „Wir wollen den Erfolg von AKK“

          Vor ihrem Parteitag macht die CDU einen aufgescheuchten Eindruck. Der stellvertretende Parteivorsitzende und NRW-Ministerpräsident, Armin Laschet, spricht im F.A.Z.-Interview über die Querelen in der CDU, über AKK, über Windkraft – und Kopftücher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.