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Alt werden mit HIV : Wir sind doch nicht auf dem Friedhof

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Sami Achmedow in seiner Wohnung mit einem Selbstportrait Bild: Edgar Schoepal

Dank immer besserer Therapien bereiten sich HIV-Infizierte nicht mehr aufs Sterben, sondern aufs Altern vor. Ein Beispiel aus Köln.

          Sami Achmedow mag die Musik von Amy Winehouse und Menschen, die sich gut zu kleiden wissen. Er liebt schöne Stoffe, die nur so durch die Finger gleiten. Das hat sich auch nicht geändert, als vor sechs Jahren passierte, was andere wohl als dramatische Wende in ihrem Leben beschrieben hätten. Irgendwann im Jahr 2005 erwachte Sami Achmedow in einem Krankenhaus. Der Arzt hatte gesagt, er habe in Folge einer schweren Hirnhautentzündung sieben Monate im Koma gelegen. Und er sei HIV-positiv.

          Sami Achmedow weiß nicht, wann er sich angesteckt hat, und auch nicht, bei wem. Er habe in seinem Leben zwei langjährige Beziehungen geführt, sei stets treu gewesen. Der heute Zweiundsechzigjährige sagt, die Frage nach dem „Wie“ zermürbe ihn aber nicht weiter. Nach dem langen Krankenhausaufenthalt musste er erst einmal wieder auf die Beine kommen, im Lebenshaus der Aids-Hilfe Köln.

          Das Wohnprojekt lässt sich vielleicht als Haus der Geschichte von HIV und Aids in Köln beschreiben: 1988 wurde es im Stadtteil Longerich als Hospiz errichtet, später war es eine Wohngemeinschaft, jetzt wird mit Hilfe von Spenden es zu einem Seniorenheim für HIV-Infizierte umgebaut, das in zwei Jahren eröffnet werden soll. 30 Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus müssen die sozialen Einrichtungen neu justieren, die Klienten stellen sich nicht mehr die Frage: Wie will ich sterben?, sondern: Wie will ich alt werden?

          Lebenserwartung HIV-Kranker nimmt stetig zu

          Ende der achtziger Jahre, das war die Zeit, als Sami Achmedow für eine Bekleidungskette arbeitete und für die erste Kölner Schwulen-Zeitschrift „Gayzette“ als täuschend echte Freddy-Mercury-Imitation posierte. Und es war die Zeit, als Aids-Kranke innerhalb weniger Monate starben, häufig an einer schweren Lungenerkrankung oder an einem speziellen Hautkrebs, der auch die inneren Organe befiel, den Darm oder den Rachen. Manche Patienten seien damals erstickt, berichtet Heidi Eichenbrenner von der Kölner Aids-Hilfe.

          Sami Achmedow erinnert sich vor allem an die blutroten Flecken auf der Haut, mit denen das sogenannte Kaposi-Sarkom die Kranken zeichnete. Er habe damals ein halbes Dutzend Freunde sterben sehen. „Das war wie ein Blätterfall“, sagt er rückblickend. Hat man die Bilder im Hinterkopf, welche die Zeitungen damals abdruckten, dann sieht Sami Achmedow nicht wie ein Aids-Kranker aus. Er hat eine leicht aschige Gesichtsfarbe – aber die könnte auch von den vielen Zigaretten kommen, die er zu rauchen pflegt.

          Es ist die Gnade der späten Erkrankung und neuer Medikamente: Seitdem 1996 die Dreifachkombinations-Therapie auf der Weltaidskonferenz in Vancouver erstmals präsentiert worden ist und die Monotherapie damit abgelöst hat, nimmt die Lebenserwartung der mehr als 70000 HIV-Infizierten in Deutschland ständig zu: Sie können je nach Zeitpunkt der Ansteckung, Art der Therapie und bei einem gesunden Lebensstil mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahre alt werden.

          Generation der „neuen“ Aids-Kranken

          Sami Achmedow hat sich im Lebenshaus auf HIV einstellen lassen, hat gelernt, seine Tabletten korrekt einzunehmen: drei morgens, zwei abends, nie auf leeren Magen. Das sei alles viel unkomplizierter als zu Zeiten der Monotherapie, als die Infizierten 20 Tabletten am Tag zu ganz bestimmten Uhrzeiten einnehmen „und zwischendurch noch eine Grapefruit essen“ mussten, erzählt Heidi Eichenbrenner.

          Sami Achmedow gehört zu der Generation der „neuen“ Aids-Kranken, die aus dem Lebenshaus wieder ausgezogen sind. Es habe ihn sehr an ein Krankenhaus erinnert, sagt der gebürtige Bulgare, der auch die Aids-Selbsthilfegruppen bisweilen als Stimmungskiller empfindet, weil dort alle nur über ihre Krankheit reden wollten. Einmal habe er gesagt: „Entschuldigung, sind wir hier auf dem Friedhof?“

          Heute lebt er im Jean Claude Letist-Haus in Köln-Weidenpesch, an den Wänden des 25 Quadratmeter messenden Apartments hängen Bilder aus seinem Leben: Da ist er als junger Mann in hochgeschnittenen Jeans und Schnauzbart mit seine großen Liebe zu sehen, und da ist das gerahmte Titelbild der „Gayzette“. Die Deutsche Aids-Stiftung ließ das Jean Claude Letist-Haus, das nach einem belgischen Aids-Aktivisten benannt wurde, 2009 errichten; die Aids-Hilfe Köln vermietet die neun Apartments an HIV-Positive, die in ihrem Alltag Unterstützung benötigen: ehemalige Drogensüchtige, Migranten, ältere Menschen wie Sami Achmedow, die eine Berufsunfähigkeitsrente beziehen.

          Weit verbreitetetes Unwissen

          Trotz des medizinischen Fortschritts sei HIV/Aids eben doch keine chronische Krankheit wie etwa Diabetes, sagt Heidi Eichenbrenner: Infizierte müssten sehr starke Medikamente einnehmen mit zum Teil massiven Nebenwirkungen. So trieben sie etwa den Cholesterinspiegel in die Höhe, was das Herzinfarkt-Risiko steigen lasse. Bei den Infizierten würde auch häufiger Krebs diagnostiziert. Außerdem litten manche an Albträumen in Folge der Tabletten und an speziellem Stress: Eine Mischung aus Schuldgefühlen, sich vielleicht aus Nachlässigkeit infiziert zu haben, und der Erfahrung gesellschaftlicher Stigmatisierung. Auch „nach 30 Jahren Infektionswissen“, sagt Heidi Eichenbrenner, riefen immer noch besorgte Bürger in der Telefonberatung an und stellten Fragen wie: Bei uns im Haus wohnt ein Schwuler, kann ich mich mit Aids anstecken? Ein „normales“ Seniorenheim oder ambulante Pflegedienste kämen daher für viele ältere Infizierte nicht in Frage, weil sie ein homophobes und in Aids-Fragen unaufgeklärtes Personal fürchteten.

          Sami Achmedow will eigentlich nicht über das Altern sprechen, das Leben im karnevalstollen Köln scheint da eine willkommene Ablenkung zu sein. Am 11.11. wollte er eigentlich als Amy Winehouse-Double auftreten, in Minikleidchen, mit schwarzer Turmfrisur und Soul-Stücken der kürzlich verstorbenen Sängerin vom Band. Vier Wochen vorher erlitt er einen Herzinfarkt. Doch die Show müsse weiter gehen, an Weiberfastnacht, verspricht Sami Achmedow – dann werde er Amy Winehouse wieder lebendig machen.

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