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Alltag im Smog : Schwarze Teufel über Peking

  • -Aktualisiert am

Selbst bei starker Verschmutzung wird Alarmstufe „rot“ nicht gegeben: Eltern in der Provinz Shandong bringen ihre Kinder zur Schule. Bild: Reuters

Chinesen richten ihren Tagesablauf und ihre Hobbys heute wie selbstverständlich nach den aktuellen Smog-Werten. Unsere Korrespondentin beschreibt, wie es sich „unter der Glocke“ lebt.

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          Der fünf Jahre alte Taotao kennt auch schon das Wort „Wumai“: Smog. Wenn die Luft schlecht ist, kommt der kleine Junge aus dem Kindergarten im Pekinger Stadtteil Hepingli nach Hause und beschwert sich bei seiner Mutter darüber, dass er und die anderen Kinder wieder nicht unter freiem Himmel spielen durften, weil „Wumai“ ist.

          Was hinter dem Smog steht, weiß Taotao noch nicht, wohl aber seine Mutter, die sich um die Gesundheit ihrer beiden kleinen Söhne große Sorgen macht. Jeder Tag beginnt für sie mit einem Blick auf die Smog-App ihres Handys, die die aktuellen Luftwerte anzeigt. Wenn die App eine mittlere Verschmutzung meldet, dann werden auf dem Weg zum Kindergarten Atemschutzmasken getragen. Frau Li hat extra weiche aus Baumwolle gekauft, mit bunten Mustern, aber die Kinder protestieren trotzdem immer, wenn sie diese überziehen müssen.

          Seit der Smog so schlimm ist und die Werte auf Druck der Öffentlichkeit auch bekanntgemacht werden, hat die Lehrerin aus Peking wie viele andere Mütter verzweifelt Schutzmaßnahmen ergriffen. Die Luftwerte bestimmen die Aktivitäten der Kinder. Außer Atemschutzmasken für draußen hat Li einen Luftreiniger für ihre kleine Wohnung gekauft. Die Fenster hat sie extra abgedichtet, damit an Smog-Tagen keine Luft von draußen in die Wohnung dringt. Ob das wirklich etwas nützt, bezweifelt sie, aber sie fühlt sich besser damit.

          Mit einem Lungentumor geboren

          „Ich habe ständig Angst um meinen Sohn“, sagt auch Lu Lu aus der Stadt Shijiazhuang. „Jeder Huster macht mich nervös. Mein Sohn bettelt immer, dass er mit den anderen Kindern in den Park gehen darf, aber ich kann ihn nicht gehen lassen. Das stresst mich völlig.“ Die Millionenmetropole Shijiazhuang, Hauptstadt der Provinz Hebei, ist einer der Städte mit der schlimmsten Luftverschmutzung in China. Dort gibt es noch mehr Tage voller Smog als in Peking. Im Jahr 2014 waren es nach offiziellen Angaben 264. Die Stadt liegt mitten in einem Industriegebiet, in dem Betonfabriken, Stahl- und Kohlekraftwerke die Luft verpesten.

          Seit vor zwei Wochen die Smog-Dokumentation „Unter der Glocke“ Wellen geschlagen hat, ist die Luftverschmutzung wieder ein großes Thema in China. Besonders Eltern kleiner Kinder sind aufgeschreckt. Denn der Smog gefährdet vor allem die Gesundheit der Kleinsten und Ältesten. Das wurde auch in dem Film noch einmal deutlich. Feinstaub geht direkt ins Blut. Auch für die Filmemacherin Chai Jing war die Sorge um ihr Kind, das mit einem Lungentumor geboren wurde, der Anstoß, in der Dokumentation den Ursachen und Folgen des Smogs auf den Grund zu gehen.

          Auch ohne App merkt man, wie schlecht die Luft ist

          Es ist das erste Mal, dass die chinesische Öffentlichkeit in solch umfassender und kritischer Form über die Luftverschmutzung informiert wurde. Mehr als 200 Millionen Mal wurde der Film im Internet aufgerufen, dann wurde er von der Zensur verboten. Doch dadurch verschwindet das Problem nicht. In der vergangenen Woche zeigte die App wieder „sehr ungesund“ an, und die Feinstaubwerte lagen mit 220 Mikrogramm pro Kubikmeter über dem Zehnfachen der von der Weltgesundheitsorganisation als akzeptabel angesehenen Belastung.

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