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Alkoholkrankheit : Es gibt keine unschädliche Höchstmenge

  • -Aktualisiert am

Volksdroge Alkohol Bild: dpa/dpaweb

Alkohol ist eine Volkskrankheit, der allein in Deutschland zwei Millionen Menschen verfallen sind. Auf dem Internistenkongreß in Wiesbaden zeigen Forscher, wie stark Alkohol schaden kann.

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          In Deutschland gibt es rund zwei Millionen Alkoholabhängige. Weitere zwei Millionen sind zwar noch nicht abhängig, trinken aber bereits so viel, daß sie ihren Körper schädigen. Auf mehr als sechs Millionen beziffert man die Zahl derer, die riskante Trinkgewohnheiten haben. In Deutschland sterben jedes Jahr 42.000 Alkoholsüchtige an den Folgen ihrer Krankheit. Behandelt werden Alkoholiker im Durchschnitt erst fünf bis zehn Jahre nach Beginn der Abhängigkeit. Die Therapiekosten für alkoholbedingte Krankheiten belaufen sich in Deutschland auf 20 Milliarden Euro im Jahr.

          Grund genug zu handeln? Keineswegs. Manfred Singer von der Universitätsklinik in Mannheim beklagte auf dem Internistenkongreß, der in dieser Woche in Wiesbaden stattfindet, daß in Deutschland keine Forschungsmittel bereitstehen, um Diagnostik und Therapie alkoholbedingter Erkrankungen zu verbessern. Dabei versprechen neue Ergebnisse aus Genetik und Hirnforschung wichtige Einsichten darüber, wie unterschiedlich der Alkohol den Organismus angreift.

          Genetische Veranlagung spielt eine Rolle

          Alexander Schneider erforschte in den Vereinigten Staaten und jetzt an der Universitätsklinik in Mannheim die genetischen Zusammenhänge zwischen chronischer Pankreatitis und Alkohol. Bei dieser gefürchteten Entzündung der Bauchspeicheldrüse richten die aggressiven Verdauungssäfte des Organs im Laufe der Jahre immer mehr Schäden an. Man wußte bislang nicht, warum nur etwa fünf bis zehn Prozent aller Alkoholkranken davon betroffen sind. Erste, vorläufige Ergebnisse deuten jetzt darauf hin, daß diese Kranken ein charakteristisches Muster im Erbgut aufweisen, das sie hierfür empfänglich macht.

          Die genetische Ausstattung spielt auch da eine Rolle, wo es um die Anfälligkeit für die Droge geht. Gunter Schumann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sagte, daß rund die Hälfte aller Alkoholerkrankungen genetisch mitbedingt sind. Kinder von Eltern, die nicht alkoholkrank waren, laufen selbst dann kaum Gefahr, dem Alkohol zu verfallen, wenn sie in einem Umfeld aufwachsen, das zum Trinken verführt. Zwar läßt sich wegen der Vielzahl der beteiligten Gene keine eindeutige Vorhersage zur Entwicklung einer Abhängigkeit finden. Allerdings gibt es erste Hinweise, daß sich das Ansprechen auf Medikamente, die dem Alkoholiker helfen, trocken zu bleiben, möglicherweise aus individuellen Genmustern ableiten läßt.

          Alkoholkranke kommen zu selten in Fachabteilungen

          Auch für bösartige Tumoren, die bei Alkoholkranken überdurchschnittlich häufig etwa in der Mundhöhle und im Rachen auftreten, ist der eine anfälliger als der andere. Norbert Homann von der Universitätsklinik in Lübeck erläuterte, wie die genetisch programmierte Ausstattung mit Enzymen dazu beiträgt - denn danach bestimmt sich, wieviel des schädlichen Acetaldehyds, zu dem die Enzyme den Alkohol abbauen, auf die Schleimhaut in Mund und Rachen einwirkt und dort bösartiges Wachstum fördert. Stephan vom Dahl von der Universitätsklinik in Düsseldorf wies darauf hin, daß Alkohol bei jenen, die an einer chronischen Leberentzündung aufgrund einer Hepatitis-C-Virusinfektion leiden, die Entstehung von Leberkrebs dramatisch beschleunigt. Alkohol läßt darüber hinaus die Wirkung des Interferons bei Hepatitis C geradezu verpuffen. Ein Jahr muß ein Alkoholiker abstinent sein, bevor man die Leber mit einer sinnvollen Erfolgsaussicht auf diese Weise therapieren kann.

          Nicht einmal ein Zehntel aller Alkoholkranken kommt derzeit in die für eine Suchtbehandlung zuständigen Fachabteilungen. Nach dem Entzug abstinent zu bleiben ist für den Abhängigen am schwersten. Die Palette jener Medikamente, die neben psychotherapeutischen Maßnahmen vor dem Rückfall schützen sollen, hat sich zwar erweitert. M. Schäfer von der Charite in Berlin wies aber darauf hin, daß viele Substanzen für Alkoholkranke zu diesem Zweck nicht zugelassen sind. Bewährt hat sich bisher das Acamprosat, das auf der ganzen Welt bereits bei mehr als vier Millionen Patienten zum Einsatz kam. Naltrexon, ein Gegenspieler der Opiate, oder das Antiepileptikum Topiramat werden derzeit auf ihre Wirksamkeit bei Alkoholkranken überprüft. Eine weitere Substanz, die Bindungsstellen für Cannabis besetzt, könnte ebenfalls für die Behandlung der Alkoholkrankheit in Frage kommen.

          Es gibt keine unschädliche Höchstmenge

          Das, was dem Süchtigen die Abstinenz so schwer macht, ist das "Craving", das schier unwiderstehliche Verlangen nach der Droge. Dieter Braus von der Universitätsklinik in Hamburg zeigte in Wiesbaden, wie der Stoffwechsel im Gehirn die Erregung abbildet, der der Alkoholkranke ausgesetzt ist, wenn er ein Glas Bier sieht. Die bildgebende Hirnforschung, die solche Zusammenhänge zu entschleiern vermag, hat sich erst in jüngster Zeit der Alkoholkrankheit zugewandt - ein schmerzliches Versäumnis, wie man aus den in Wiesbaden vorgestellten Bildern folgern muß.

          Wer schließlich den in Wiesbaden versammelten Fachleuten das Zugeständnis einer unschädlichen Höchstmenge an Alkohol abzuringen hoffte, wurde enttäuscht. Vom Dahl machte unmißverständlich klar, daß bereits ein "Standard-Drink" von 10 Gramm Alkohol die virusinfizierte Leberzelle extrem schwächt. Homann wies darauf hin, daß bereits kleine Mengen Alkohol das Brustkrebsrisiko bei manchen Frauen erhöhen könnten. Georg Ertl von der Universitätsklinik in Würzburg stellte sogar mit guten Gründen die angebliche Schutzwirkung des Alkohols auf die Herzkranzgefäße in Frage. Womöglich werden jene, die an ihren Patienten beobachten müssen, wie katastrophal die Droge Alkohol Körper und Geist zerstört, immer vorsichtiger.

          Abstinenz wird selten akzeptiert

          Der allenthalben akzeptierte, moderate Konsum von Alkohol erweitert die Toleranz gegenüber einer wirklich gefährlichen Droge indes immer mehr. Singer rief seine Kollegen eindringlich dazu auf, dann und wann die "Erfahrung Abstinenz" zu machen. Erst wenn man am eigenen Leib peinlich erfahre, wie befremdet die Umgebung auf das "Bitte kein Alkohol" reagiere, könne man ermessen, wie schwer es einem Patienten fallen müsse, diese gesellschaftliche Hürde stets aufs neue nehmen zu müssen.

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