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Alkoholkrankheit : Es gibt keine unschädliche Höchstmenge

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Nicht einmal ein Zehntel aller Alkoholkranken kommt derzeit in die für eine Suchtbehandlung zuständigen Fachabteilungen. Nach dem Entzug abstinent zu bleiben ist für den Abhängigen am schwersten. Die Palette jener Medikamente, die neben psychotherapeutischen Maßnahmen vor dem Rückfall schützen sollen, hat sich zwar erweitert. M. Schäfer von der Charite in Berlin wies aber darauf hin, daß viele Substanzen für Alkoholkranke zu diesem Zweck nicht zugelassen sind. Bewährt hat sich bisher das Acamprosat, das auf der ganzen Welt bereits bei mehr als vier Millionen Patienten zum Einsatz kam. Naltrexon, ein Gegenspieler der Opiate, oder das Antiepileptikum Topiramat werden derzeit auf ihre Wirksamkeit bei Alkoholkranken überprüft. Eine weitere Substanz, die Bindungsstellen für Cannabis besetzt, könnte ebenfalls für die Behandlung der Alkoholkrankheit in Frage kommen.

Es gibt keine unschädliche Höchstmenge

Das, was dem Süchtigen die Abstinenz so schwer macht, ist das "Craving", das schier unwiderstehliche Verlangen nach der Droge. Dieter Braus von der Universitätsklinik in Hamburg zeigte in Wiesbaden, wie der Stoffwechsel im Gehirn die Erregung abbildet, der der Alkoholkranke ausgesetzt ist, wenn er ein Glas Bier sieht. Die bildgebende Hirnforschung, die solche Zusammenhänge zu entschleiern vermag, hat sich erst in jüngster Zeit der Alkoholkrankheit zugewandt - ein schmerzliches Versäumnis, wie man aus den in Wiesbaden vorgestellten Bildern folgern muß.

Wer schließlich den in Wiesbaden versammelten Fachleuten das Zugeständnis einer unschädlichen Höchstmenge an Alkohol abzuringen hoffte, wurde enttäuscht. Vom Dahl machte unmißverständlich klar, daß bereits ein "Standard-Drink" von 10 Gramm Alkohol die virusinfizierte Leberzelle extrem schwächt. Homann wies darauf hin, daß bereits kleine Mengen Alkohol das Brustkrebsrisiko bei manchen Frauen erhöhen könnten. Georg Ertl von der Universitätsklinik in Würzburg stellte sogar mit guten Gründen die angebliche Schutzwirkung des Alkohols auf die Herzkranzgefäße in Frage. Womöglich werden jene, die an ihren Patienten beobachten müssen, wie katastrophal die Droge Alkohol Körper und Geist zerstört, immer vorsichtiger.

Abstinenz wird selten akzeptiert

Der allenthalben akzeptierte, moderate Konsum von Alkohol erweitert die Toleranz gegenüber einer wirklich gefährlichen Droge indes immer mehr. Singer rief seine Kollegen eindringlich dazu auf, dann und wann die "Erfahrung Abstinenz" zu machen. Erst wenn man am eigenen Leib peinlich erfahre, wie befremdet die Umgebung auf das "Bitte kein Alkohol" reagiere, könne man ermessen, wie schwer es einem Patienten fallen müsse, diese gesellschaftliche Hürde stets aufs neue nehmen zu müssen.

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