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Alkoholsucht in Russland : Exzess der extremen Art

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Teufel Alkohol: Mit diesem Panzer fuhr ein Betrunkener im Gebiet Murmansk in einen Supermarkt. Bild: AP

Eigentlich versucht man den Alkoholismus in Russland effektiv zu bekämpfen. An den Feiertagen klappt das nicht so gut.

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          Wer sich für das neue Jahr gute Vorsätze gefasst hat, wird in Russland gleich zu Beginn auf die Probe gestellt: Wenige Tage auf Neujahr folgt das orthodoxe Weihnachtsfest am 7. Januar, und um die unproduktiven Tage zwischen beiden Festen zu überbrücken, schenkt der Staat seinen Bürgern insgesamt bis zu zehn freie Tage. Was der Erholung und dem Stressabbau dienen soll, ist für einige von ihnen jedoch ein veritables Gesundheitsrisiko: Tagelange Trinkgelage führen alljährlich zu Alkoholvergiftungen und Unfällen, Handgreiflichkeiten nehmen zu, und nicht wenige bezahlen für die Ausschweifungen sogar mit dem Leben.

          In der sibirischen Stadt Atschinsk uferte eine tagelange Neujahrsfeier derart aus, dass ein 43 Jahre alter Mann im Streit getötet und von anderen Gästen einfach vom Balkon geworfen wurde. Ein anderer Fall ereignete sich am 4. Januar im Gebiet Chabarowsk, wo ein 31 Jahre alter Mann von seiner zwei Jahre jüngeren Trinkkumpanin mit mehreren Messerstichen in den Rücken getötet wurde. Die beiden hatten seit vier Tagen Silvester gefeiert und waren schließlich in Streit geraten. In Twer kam ein 37 Jahre alter Mann ums Leben, als er versuchte, sich mit Bettlaken aus dem zehnten Stock eines Wohnhauses abzuseilen, und dabei abstürzte. Der Mann wollte Wodka kaufen, seine Frau hatte ihn jedoch in seinem Zimmer eingesperrt, damit er ausnüchtert. Die Krone setzte dem Ganzen am Mittwoch ein Mann im Gebiet Murmansk auf, der im betrunkenen Zustand einen Panzer aus einer Militärfahrschule gestohlen hatte. Anschließend fuhr er durch die Stadt und lenkte das Fahrzeug in das Schaufenster eines Supermarktes – offenbar um seine Feier fortzusetzen: Bevor Polizeibeamte den Mann festnahmen, hatte er noch versucht, Wein in dem Markt zu stehlen.

          Im Januar steigt die Sterberate durchschnittlich

          Auch eine Studie des führenden russischen Alkoholismusforschers Aleksandr Nemtsow, über die russische Medien in den vergangenen Tagen berichteten, verdeutlicht das Ausmaß der Feiertagsexzesse. Der Autor hat darin die monatlichen Sterberaten aus den Jahren 2004 bis 2016 verglichen und stellte fest, dass im Januar durchschnittlich 18.000 Menschen mehr starben als in den anderen Monaten. In der Studie wird diese signifikante Abweichung auf die langen Feiertage und den mit ihnen verbundenen Alkoholkonsum zurückgeführt.

          Das russische Gesundheitsministerium hat sich ebenfalls mit den Arbeiten Nemtsows beschäftigt. Die Studien des Alkoholismusexperten zeigten, dass „der hohe Alkoholkonsum einhergeht mit einem erhöhten Risiko frühzeitiger Sterblichkeit“. Mit Blick auf die hohe Sterblichkeit im Januar bemühte die Behörde sich gleichwohl um Relativierung. Diese sei „aufgrund einer Reihe von Faktoren höher als in den anderen Monaten“, teilte das Ministerium in seiner Antwort mit, ohne konkreter zu werden. Es verweist lieber auf positive Zahlen für die restlichen elf Monate: Demnach sei 2017 die Gesamtsterberate in dieser Periode mit 12,5 Fällen pro 1000 Einwohner um 3,1 Prozent niedriger gewesen als im Vorjahreszeitraum. „Auch die Zahl der Todesfälle durch Alkoholvergiftungen ist in diesem Zeitraum um 16,1 Prozent zurückgegangen“, teilte das Ministerium mit.

          Über das Gesamtjahr betrachtet, sei der Alkoholkonsum zwischen 2004 und 2016 von 20,3 Litern pro Kopf auf 10,3 Liter um fast die Hälfte gesunken. Das wäre auch ein erheblicher Fortschritt gegenüber dem Wert, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2014 in ihrem letzten Bericht zum weltweiten Pro-Kopf-Alkoholkonsum präsentierte. In der Statistik, die auf Zahlen aus dem Jahr 2010 basierte, lag Russland mit einem Wert von 15,1 Litern pro Kopf auf Platz vier und teilte sich die ersten 15 Ränge mit 11 anderen früheren Ostblockländern (Spitzenreiter war Belarus vor Moldau und Litauen).

          Sind die gehäuften Januarvorfälle also nur ein letztes Aufbäumen des Alkoholismus, der in Russland zunehmend effektiv bekämpft wird? Dagegen sprechen einerseits Zweifel an den amtlichen Statistiken, die den Konsum von illegal produziertem und verkauftem Alkohol nicht einbeziehen. Andererseits hat der Staat in den vergangenen Jahren viele Maßnahmen ergriffen, damit Russland sein Trinkerimage losbekommt.

          Von der Regierung wurde 2009 ein Anti-Alkohol-Konzept verabschiedet, um unter anderem das Ausmaß des Alkoholmissbrauchs in der russischen Bevölkerung bis zum Jahr 2020 zu verringern. In den folgenden Jahren wurden die Steuern auf alkoholische Getränke sowie die Mindestpreise für Wodka zunächst angehoben. Zudem wurde ein Verkaufsverbot für alkoholische Getränke zwischen 23 Uhr abends und 8 Uhr morgens erlassen. In den Nachtzügen, die etwa auf der transsibirischen Magistrale verkehren, ist mitgebrachter Alkohol mittlerweile verboten, und auch der Alkoholgenuss auf öffentlichen Plätzen wird mit Bußgeldern bestraft. Werbung für Alkohol ist ebenfalls größtenteils verboten.

          In Umfragen etwa des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum geben mehr Befragte als früher an, wenig oder keinen Alkohol zu trinken – vor allem unter jungen Leuten. Allerdings macht auch ein regionales Gefälle deutlich, welchen Weg Russland noch vor sich hat. So wies die russische Gesundheitsministerin Weronika Skwortsowa auf dem Eastern Economic Forum in Wladiwostok im vergangenen September darauf hin, dass besonders der russische Ferne Osten von chronischem Alkoholismus betroffen sei. Während im landesweiten Durchschnitt 60 von 100.000 Menschen unter schwerwiegenden Alkoholerkrankungen litten, seien es im fernöstlichen Bezirk mit 120 doppelt so viele. Im Kreis Tschukotka, dem nordöstlichsten Zipfel Russlands, seien es sogar 330 Fälle pro 100.000 Einwohner.

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