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Alkohol in der Schwangerschaft : Warum bin ich so anders?

Ihr Leben können sie oft nicht selbst gestalten: Kinder mit FASD auf der Freizeit des Vereins „FASD Deutschland“ im Frühsommer in Fulda. Bild: Rainer Wohlfahrt

Auf die Versorgung von Menschen, die im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurden, sind Medizin und Gesellschaft hierzulande nicht vorbereitet. Dabei sind Zehntausende davon betroffen. Über ein Leben, das nicht ins Schema passen will.

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          Man merkt dem flachen Einfamilienhaus der Michalowskis an, dass es Stück für Stück mit der steigenden Zahl seiner Bewohner gewachsen ist. Verschachtelt liegen die Zimmer im Erdgeschoss aneinander. Jede Ecke des Hauses wird genutzt. Vorratsschränke, Regalfächer, Papierstapel. Eine Großfamilie braucht Platz und Organisation. Vom hölzernen Küchentisch aus kann Gisela Michalowski sowohl beobachten, wer die breite Garagenzufahrt entlangkommt, als auch, wer sich am Kühlschrank bedient. Ein guter Platz, um den Überblick zu behalten. Das ist nötig. Sie und ihr Mann haben acht Kinder. Die Jüngste ist zehn Jahre alt, der Älteste über dreißig. Doch nur für vier der Kinder sind Michalowskis die leiblichen Eltern. Papa und Mama werden sie von allen acht genannt. Gisela Michalowski und ihr Mann machen keinen Unterschied zwischen ihren eigenen und den ihnen anvertrauten Söhnen und Töchtern, obwohl es gravierende gibt.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ihre leiblichen Kinder sind alle kerngesund, selbständig und längst aus dem Haus. Die drei Pflegekinder und der Adoptivsohn leiden an FASD, der fetalen Alkoholspektrumstörung. Ihre leiblichen Mütter waren sich der Verantwortung für ein anderes Leben nicht bewusst. Sie haben Alkohol getrunken, viele Gläser, auch während der Schwangerschaft. Mit den Folgen, einem organischen Hirnschaden, müssen nun ihre Kinder leben.

          Das Leben wird nur komplizierter

          Felicitas kam als Zweijährige zu den Michalowskis. Das war im März 1995. Vom Jugendamt bekam Gisela Michalowski den Auftrag, sich um das schmächtige Mädchen zu kümmern. In den Papieren über die Kleine fanden sich zwar erste Hinweise auf eine Schädigung in der Schwangerschaft, aber erst Monate später wurde Michalowski durch einen Zeitungsartikel auf die fetale Alkoholspektrumstörung aufmerksam. Die abgedruckten Fotos zeigten Kinder mit verkürztem Nasenrücken, engen Lidspalten, schmaler Oberlippe, tiefsitzenden Ohren. Sie sahen aus wie Felicitas.

          Michalowski packte das Mädchen ein, fuhr mit ihr vom Emsland nach Münster zu einem Spezialisten und kurze Zeit später stand fest: Felicitas litt tatsächlich am sogenannten Fetalen Alkoholsyndrom, der Vollform der Spektrumstörung. Je nach Schwere können die Kinder leichte kognitive Störungen bis hin zu gravierenden Einschränkungen haben. Daher der Begriff Spektrumstörung.

          Zu diesem Zeitpunkt ahnte Gisela Michalowski noch nicht, dass ihre anderen nicht leiblichen Kinder dieses Schicksal teilen, und sie ahnte auch noch nicht, was es bedeutet, ein Kind mit dieser Behinderung aufzuziehen. Denn der Zusatz „fetal“ im Namen der Erkrankung führt in die Irre. Es ist kein Gebrechen, das nur Schwangerschaft oder Kindheit betrifft. Im Gegenteil: Für Menschen mit FASD wird das Leben umso komplizierter, je mehr Ansprüche es an sie stellt.

          Ohnmacht gegenüber dem Alltag

          Konzepte, die unserem gesellschaftlichen Leben Struktur und Fundament geben, haben für Menschen wie Felicitas keine Bedeutung. Regeln, Zeitdimensionen und Gesetze verinnerlichen sie nur schwer. Welche Konsequenzen ihr Handeln hat, können sie oft nicht abschätzen. Erfahrungen oder Informationen zu verallgemeinern ist ihnen fremd. Unterhält man sich mit Eltern dieser Kinder, dann sprudeln nicht nur aus Gisela Michalowski Anekdoten heraus, die deutlich machen: Ihre Kinder stehen den Aufgaben des Alltags oft ohnmächtig gegenüber.

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