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Gefahren von Smartphones : „Es ist wie bei einer Sucht“

Ist das noch normal? Indem wir ständig den Bildschirm unseres Smartphones oder Tablets im Blick haben, lassen wir uns von anderen Dingen ablenken. Bild: Getty

Den ganzen Tag das Smartphone in der Hand – ist das noch gesund? Nein, sagt Alexander Markowetz, Autor des Buchs „Digitaler Burnout“. Im Interview plädiert er für neue Regeln, die verhindern, dass uns die digitale Welt krank macht.

          Alexander Markowetz kommt durchnässt zu unserem Termin. Das Navigationssystem in seinem Smartphone hat ihn durch den herbstlichen Regen vom Bahnhof zur Redaktion geleitet. Einen Regenschirm hatte er nicht dabei. Vor diesem Treffen in Frankfurt haben wir noch kein Wort miteinander gesprochen. Den Termin haben wir über E-Mails sowie wechselseitige Sprachnachrichten auf der Mailbox verabredet. Bei der Begrüßung trägt Markowetz einen dicken Schal um den Hals und Taschentücher in der Hand. Geplagt von einer verschnupften Nase und einer rauhen Kehle, lehnt er Kaffee dankend ab und bestellt Kamillentee.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Erkältung auskurieren, eine Pause machen - dafür hat er im Moment keine Zeit, er hat ganz andere Gesundheitssorgen. Und glaubt man ihm, dann sind Erkältungsviren ohnehin eine Lappalie gegen die Gefahren, die unserem Wohlergehen aufgrund der zunehmenden Smartphone-Nutzung drohen. Gewerkschaftsverbände, Unternehmen, Kirchentage und auch die Medien wollen zurzeit von dem Informatiker wissen, was die digitale Welt, das Smartphone und die sozialen Medien eigentlich mit uns machen. Welches Risiko sie für unsere Gesundheit darstellen. Als Juniorprofessor an der Universität Bonn hat Markowetz sich in verschiedenen Studien mit diesem Thema beschäftigt und gelernt, in anschaulichen Beispielen das Wissen der Informatiker in den Alltag zu übersetzen.

          Herr Markowetz, Sie sagen, wie wir heute unser Smartphone nutzen, das sei nicht mehr normal, unser Umgang mit dem Handy mache uns krank. Woran machen Sie das fest?

          Untersuchungen an unserem Institut haben gezeigt: Wir schalten den Bildschirm unseres Smartphones 88 Mal am Tag an. 35 Mal davon sind es nur geringfügige Unterbrechungen wie ein Blick auf die Uhr. 53 Mal am Tag entsperren wir es, um E-Mails und Nachrichten zu schreiben oder Apps zu nutzen. Wenn wir von acht Stunden Schlaf am Tag ausgehen, unterbrechen wir somit unsere Tätigkeit alle 18 Minuten, um zum Handy zu greifen. Der Durchschnittsnutzer verbringt nach unseren Daten zweieinhalb Stunden täglich mit seinem Handy, nur sieben Minuten davon telefoniert er.

          Alexander Markowetz, Junior-Professor am Institut für Informatik III der Universität Bonn

          Das klingt erst einmal nach ungeheuer viel Zeit vor dem kleinen Bildschirm. Wenn man aber bedenkt, dass viele heute keine Uhr mehr tragen, kein Buch, keinen Walkman und keinen Kalender mehr besitzen, sondern für all dies zum Handy greifen, relativiert sich die Zeit wieder. Früher haben sich die zweieinhalb Stunden einfach auf verschiedene Gegenstände aufgeteilt.

          Da ist natürlich was dran, aber das lässt sich quantitativ nicht halten. All diese Dinge rechtfertigen nicht zweieinhalb Stunden täglich. Tatsächlich entfallen diese zuvorderst auf Whatsapp, Facebook und Spiele. Die vertrödelte Zeit ist aber gar nicht so wichtig. Zentraler sind die dauernden Unterbrechungen, die gibt es bei Buch und Armbanduhr nicht. Insgesamt führt die digitale Welt dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit zerhackstückeln. Wir können uns nicht mehr so lange konzentrieren. Ein Buch oder Zeitungsartikel bindet einen an längere Texte. In der digitalen Welt wird alles in kleinen Portionen präsentiert. Das Entscheidende aber ist: Mit Smartphones haben wir den Rest der Welt stets in Millisekunden auf Websites zur Verfügung.

          Wenn man sich zu einem Interview mit jemandem trifft, der solche Thesen aufstellt und ein Buch mit dem Titel „Digitaler Burnout“ geschrieben hat, lässt man als Journalist selbstverständlich sein Handy lautlos im Nebenraum liegen. Man will in keinem Fall als lebensnahes Beispiel dafür dienen, wovor Markowetz warnt: Handys unterbrechen jede Unterhaltung, lassen uns nicht mehr in einen Arbeitsflow kommen, ziehen ständig Aufmerksamkeit auf sich, und haben wir sie einmal nicht dabei, werden wir ganz nervös. Doch wir sind gerade ganz entspannt, als nach etwa 15 Minuten Gespräch Markowetz’ Handy unüberhörbar brummt. Er ignoriert es gekonnt.

          Haben Sie auch untersucht, wie oft ein Mensch, der beispielsweise einen Zeitungsartikel auf dem Smartphone liest, diesen unterbricht, um seine E-Mails zu checken?

          Das haben wir nicht untersucht, wäre aber mal sehr interessant. Es ist aber unbestritten, für die ständige Auswahl und Verführung, die das Smartphone bietet, ist der Mensch evolutionsbiologisch nicht gemacht. Der Zustand, alles sofort haben zu können, erfordert von ihm Selbstdisziplin und Kulturtechniken, über die er zunächst nicht verfügt.

          Dieses Phänomen tritt immer wieder auf: Trifft die Menschheit auf neue Technologien, gibt es Kritiker, die glauben, diese schadeten dem Menschen. Was sagen medizinische Studien - wie schädlich ist die digitale Welt für uns wirklich?

          Wenn wir nur auf wissenschaftliche Daten schauen, dann muss ich passen. Rein wissenschaftlich wird es definitiv noch ziemlich dünn in dem Gebiet. Aber der Zeitraum, in dem wir das Handy so exzessiv nutzen, ist noch zu kurz, um Langzeitfolgen abschätzen zu können. Wenn man erst auf alle Beweise warten will, dann hätte man jetzt kein Buch schreiben können. Das ist ähnlich wie beim Klimawandel; wir können mit der Aufklärung nicht warten bis zum Punkt der absoluten Gewissheit, das wäre dann einfach zu spät. Wir müssen jetzt hinschauen, was rollt auf uns zu? Wie gehen wir damit um?

          Markowetz’ Handy vibriert abermals. Er schenkt ihm keine Beachtung.

          Was rollt denn auf uns zu?

          Ich spreche nicht von Inhalten. Mir ist erst einmal egal, für was genau die Menschen ihr Handy zur Hand nehmen. Das steht jedem frei. Ich gehe der Frage nach: Was passiert, wenn wir das Handy alle 18 Minuten im Schnitt in die Hand nehmen? Dadurch teilen wir nämlich ständig unsere Aufmerksamkeit auf. Dazu kommt, früher hatten wir im Alltag eine Grunddosis an Pausen. An der Bushaltestelle, im Zug oder im Wartezimmer hatten wir Zeit, in uns reinzuhören, innezuhalten.

          Die Pausen haben wir nun eliminiert und füllen sie mit dem Handy aus.

          Exakt, aber die ständige Erreichbarkeit und Interaktion laugen uns aus. Offensichtlich wird dies, wenn man sich vor Augen führt, dass seit Jahren die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen und die Einnahme von Psychopharmaka steigen. Das sind auch Symptome der Digitalisierung.

          Aber ich habe es doch selbst in der Hand: Belastet mich das Handy, kann ich die Finger davon lassen.

          So selbstgesteuert, wie wir uns gerne wähnen, sind wir nicht. Hinter dem unaufhörlichen Blick aufs Handy stehen ähnliche Mechanismen wie bei einer Sucht.

          Welche?

          Dafür verantwortlich ist das Glückshormon Dopamin. Es sorgt dafür, dass wir bei der Stange bleiben. Der Körper schüttet Dopamin nicht erst aus, wenn wir etwas Positives erleben, sondern auch schon, wenn wir in der Erwartung sind, etwas Positives zu erleben.

          Auf das Handy übertragen, heißt das?

          Wir schauen ständig darauf, nicht weil immer eine neue Nachricht da ist, sondern weil vielleicht eine da sein könnte. Jedes Entriegeln des Handys ruft schon Glücksgefühle hervor, unabhängig davon, ob es etwas Neues gibt. Das sind Urinstinkte, die schon die Jäger und Sammler hatten. Der große Unterschied zu ihnen aber ist: Heute sind durch das Handy mühelos unendliche Mengen an Inhalten verfügbar. Darauf ist unser intrinsisches Belohnungssystem nicht ausgerichtet. Es sind Automatismen, die uns zum Handy greifen lassen. Um die Finger davon zu lassen, muss man sich über all dies bewusst werden und dann anfangen, sich selbst auszutricksen. Wir müssen digitale Diäten in unseren Alltag einweben.

          Wieder vibriert Markowetz’ Handy leise. Nun schafft auch er es nicht mehr, das ständige Brummen zu ignorieren. Er wühlt das Smartphone aus der Tasche, drückt halb hektisch, halb neugierig darauf herum und erklärt: Das Navigationssystem sei nicht richtig abgeschaltet gewesen. Ruhe.

          Wenn ich mir allein über all dies bewusst werde, reicht das nicht. Der Arbeitgeber möchte mich über E-Mails erreichen, einen Festnetzanschluss besitzen viele nicht mehr, Kinokarten kann man nur noch online reservieren, und Banken bieten nur noch Online-Überweisungen an. Die Gesellschaft lebt digital.

          Der Mensch ist auch leider nicht so autark, wie er annimmt. Wir haben es hier mit gesellschaftlichen Phänomenen zu tun, die man nur in der Gemeinschaft lösen kann. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Smartphone hängt von mir selbst und den anderen ab. Da sich die digitale Welt so rasant entwickelt hat, haben wir viele Dinge aus der analogen Welt einfach über Bord geschmissen. Beispielsweise war früher klar: Zwischen 12 Uhr und 15 Uhr ist Mittagsruhe, da ruft man niemanden an. Heute schreibt man um Mitternacht eine Whatsapp und erwartet, dass man am nächsten Morgen eine Antwort hat. Wir müssen uns auf Etikette im digitalen Alltag einigen. Es ist höchste Zeit.

          Wie könnten die Etikette aussehen?

          Man könnte zum Beispiel aushandeln: Wer sich verspätet, muss anrufen, er darf keine E-Mail, Whatsapp oder SMS schicken und damit den Wartenden zwingen, ständig verschiedene Kanäle zu checken, um eine Verschiebung des Termins mitzubekommen. Aufschieben und Verspäten, das sind typische Phänomene dieser Zeit. Dabei muss gelten: Dringende Dinge müssen sofort kommuniziert werden. Wichtige Dinge behandelt man besser in einer einzigen langen Mail anstatt in weiteren Chat-Dialogen. Unwichtige Dinge dürfen gar nicht kommuniziert werden. Wir müssen anfangen, gegenseitig Verantwortung für unsere geistige Gesundheit zu übernehmen.

          Aber die digitale Welt hat auch Vorteile. Viel einfacher als früher kann man heute Kontakt zu Freunden im Ausland halten. Dokumente, auf die man tagelang gewartet hat, sind innerhalb weniger Minuten da. Der digitale Fortschritt belastet nicht nur, er entlastet auch erheblich.

          Ich spreche der Entwicklung auch ihren positiven Nutzen überhaupt nicht ab.

          Aber Sie sprechen an einer Stelle im Buch vom „Verlust des Glücksgefühls durch die Digitalisierung“. Eine starke, auch pauschale Behauptung.

          Ich bin keiner, der alles schlechtreden will. Aber wir müssen uns über die Situation bewusst werden. Schritt eins haben wir hinter uns: Wir haben diese Geräte geschaffen. Schritt zwei ist nun: Wir müssen uns bewusstwerden, wie wir damit umgehen, damit wir möglichst viel Glück dabei verspüren und gesund bleiben. Dass alles von allein direkt reibungslos funktioniert, ist eine Illusion, und es ist auch eine, zu glauben, dass es für unsere Kinder noch selbstverständlich ist, das Handy auch mal aus- oder lautlos zu schalten.

          Wie meinen Sie das?

          Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der soziale und digitale Medien vierundzwanzig Stunden am Tag verfügbar sind. Wenn sie erwachsen sind, können sie sich nicht mehr vorstellen, dass es auch nur eine Stunde ohne geht. Heute schon ist ja nur gut, was im Internet dokumentiert ist. Der Nachmittag im Freibad war nur ein Erlebnis, wenn es davon Bilder auf Facebook gibt. Das ist die Perspektive. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene müssen lernen, digitale Diät zu machen.

          Das bedeutet?

          Das Handy weglegen, ohne Unterbrechung auf eine Sache konzentrieren und merken, dass die Welt dadurch nicht zusammenbricht, wir noch leben und unsere Freunde uns noch mögen. Das ist eine Art Expositionstherapie.

          Kann es nicht sein, dass Erwachsene der Entwicklung heute hilflos gegenüberstehen und ausgebrannt sind, weil sie sich von der analogen in die digitale Welt umorientieren müssen, Kinder diese Probleme später aber gar nicht haben?

          Smartphones sind erst der Anfang. Unsere Gesellschaft wird in Zukunft durch den digitalen Wandel etwa alle fünf Jahre dramatisch umgekrempelt werden. Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit wird sich noch verschärfen, davon bleiben die sogenannten Digital Natives nicht verschont. Ein heute Zehnjähriger wird - bis er siebzig Jahre ist - etwa zwölf digitale Revolutionen miterleben. Auch er wird von dieser Schnelligkeit überrollt werden. Dazu kommt, dass immer mehr Arbeitsplätze durch Computer ersetzt werden. Wir stehen vor enormen sozialen Herausforderungen.

          Wie bekommen wir die in den Griff?

          Wenn uns jetzt die Auswirkungen auf die Psyche bewusstwerden, dann können wir das in den kommenden Jahren in den Griff bekommen. Wir lernen ja ständig dazu, wo es weh tut. Wir können Diäten und Etiketten entwickeln, die uns helfen, einen nachhaltigen Umgang mit Geräten zu pflegen. Wir können Maschinen und Software bauen, die uns unterstützen, Pausen einzuhalten.

          Es gibt also Hoffnung?

          Was die gesundheitlichen Fragen angeht, bin ich optimistisch. Wie wir die großen sozialen Verschiebungen meistern wollen, darauf habe ich noch keine Antwort. Aber wir dürfen keine Angst davor haben, ganz im Gegenteil: Als deutsche Gesellschaft müssen wir uns einmischen, damit wir den Anschluss nicht verlieren. Was wir jetzt meistern, können wir auf die digitalen Veränderungen, die uns noch bevorstehen, anwenden. Es ist wie eine zweite Industrialisierung. Aus der ersten haben wir schon viel gelernt. Ihr haben wir zu verdanken, dass wir all die Fragen zur Gesundheit und Arbeitswelt jetzt überhaupt stellen. Wir müssen lernen, mit dem ständigen Wandel umzugehen. Das lernen wir, indem wir erst einmal den Umgang mit den Smartphones meistern.

          Wenige Minuten nachdem Markowetz die Redaktion verlassen hat, rufen die Kollegen vom Empfang an. Herr Markowetz sei wieder da und suche sein Handy, ob er es in der Redaktion liegengelassen habe? Tatsächlich, es scheint aus der Tasche auf den Boden gefallen zu sein. Markowetz wirkt erleichtert, als wir ihm das Handy übergeben. Und wir können das gerade Gelernte gleich am lebenden Beispiel beobachten: Das Dopamin hat offensichtlich dafür gesorgt, dass Markowetz gleich nach Verlassen der Redaktion neugierig auf sein Handy schauen wollte. Glücksgefühle blieben diesmal wohl aus, viel mehr sorgte das Adrenalin für einen Schreckmoment und ließ ihn direkt umkehren. Auf die Frage, ob er dies als erste Anzeichen für einen digitalen Burnout bei sich wertet, lacht Markowetz.

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