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Aids in der Ukraine : Denn sie wissen nicht, was sie sich antun

Vera und Lina: Schon wieder ein stinkendes Drogengemisch auf dem Herd Bild: Olga Jakimovich

In keinem anderen Land Europas breitet sich Aids ungehinderter aus als in der Ukraine. Desolate Zustände im Krankenhaus lassen das Virus grassieren. In der Gesellschaft wird über das Problem geschwiegen - viele wissen nichts von ihrer Infektion.

          Dimitri Scherembej erhebt sich als Erster. „Mein Name ist Dima, und ich lebe seit elf Jahren mit HIV.“ Dann steht Natascha Kownir auf: „Ich lebe auch schon seit zehn Jahren mit HIV.“ Und Anna Grekowa, die neben ihr sitzt, sagt: „Ich kann nicht genau sagen, seit wann ich mit HIV lebe. Das Virus wurde aber erstmals vor vier Jahren in meinem Körper nachgewiesen.“ Ganz zum Schluss spricht Petro Poljantsew, der Jüngste von ihnen: „Ich weiß von meiner HIV-Infektion, seit ich 19 Jahre alt war. Ich bin schwul und leite hier in Kiew das Programm für Männer, die mit Männern Sex haben.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dascha ist zwar noch viel jünger als Petro, doch sie schert sich nicht weiter um das Gerede der Erwachsenen und rennt lieber die Treppe zum Sonnendeck hinauf. Sie hat heute Geburtstag, es ist ihr achter. Dass sie Aids hat, weiß sie, was es für sie bedeutet, weiß sie nicht. Sie schluckt täglich Tabletten – wie ihre Mutter Paulina. Und wie Dima und Natascha und Anna und Petro.

          400 kämpfen für 377.000

          Sie alle haben Aids und gehören auch offiziell zu den Menschen in der Ukraine, die mit dem HI-Virus leben. Ihre Organisation heißt „All-Ukrainian Network of People Living with HIV“, kurz PLWH. Die PLWH arbeiten überall in der Ukraine, in der Hauptstadt Kiew genauso wie in Charkiw und Dnipropetrowsk, in Donezk, Lemberg (Lwiw) und Odessa. Die Kiewer Gruppe hat an diesem sonnigen Tag zu einer Bootspartie auf dem Dnjepr geladen. Zwei Geburtstage werden gefeiert – mit einer Zuckergusstorte und 33 brennenden Kerzen, die der nunmehr 25 Jahre alte Petro und die kleine Dascha gemeinsam auspusten.

          Das Virus verbindet: Mutter Paulina und Tochter Dascha

          Derweil erzählt der dreißigjährige Dima stolz, dass die PLWH im vergangenen Jahr auf der Weltaidskonferenz in Toronto mit dem „Red Ribbon Award“ für ihren erfolgreichen Kampf gegen Stigma und Diskriminierung von HIV-positiven Menschen ausgezeichnet wurde. Was es heißt, in der Ukraine gegen gesellschaftliche Ausgrenzung zu kämpfen, wissen die PLWH genau. Viel mehr als 400 gibt es nämlich nicht – und das in einem Land mit mindestens 377.000 HIV-Infizierten.

          Nur jeder Vierte weiß von seiner Infektion

          Die Ukraine hält mehr als einen europäischen Rekord: So ist die ehemalige Sowjetrepublik das größte Land des Kontinents, wenn man Russland nicht berücksichtigt. Die Ukraine ist fast doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur etwa halb so viele Einwohner. Es gibt nur grobe Schätzungen, wie viele von ihnen HIV-infiziert sind. Die ukrainische Regierung hat sich mit internationalen Organisationen wie der Weltbank auf die Zahl 377.000 geeinigt (nach UN-Aids-Angaben sind es allerdings mittlerweile schon 410.000) – das sind achtmal mehr HIV-Infizierte als Deutschland hat.

          Zugleich gehen die Weltbank und die „International HIV/Aids Alliance in Ukraine“ davon aus, dass nur jeder Vierte in dem riesigen Land von seiner Infektion weiß. So könnten schon heute wesentlich mehr Ukrainier HIV-positiv sein, als offiziell angenommen wird.

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