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HIV-Aufklärung für Flüchtlinge : Beim dritten Mal sitzt das Kondom richtig

  • -Aktualisiert am

Am Holzmodell: Sonia Abdeddaiem erklärt Männern das Kondom. Bild: Tobias Schmitt

Flüchtlinge wissen genauso viel oder wenig über Aids wie Deutsche. Deshalb kommen Vertreter der Aidsberatung auch in Erstaufnahmeeinrichtungen. Was sie dort erleben, hat unser Autor sich vor Ort angesehen.

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          Natürlich weiß Ahmad, wie man ein Kondom benutzt. Zumindest sagt er das, als ihm Sonia eines in die Hand drückt. Es ist ein nasskalter Novembertag in einem Gewerbegebiet in Fürth. In den alten Hallen von Möbel Höffner hat die Bezirksregierung Mittelfranken eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf eingerichtet. Ahmad, der eigentlich anders heißt, und Sonia sitzen an einer Tischgruppe im Erdgeschoss des Gebäudes, dazu noch ein Dutzend weiterer Männer. Sonia Abdeddaiem hat die Männer gerade ausführlich über HIV und Aids aufgeklärt und will mit einem Holzpenis nun zeigen, wie man Kondome richtig benutzt.

          Sie ist eine von drei Frauen, die an diesem Tag zur Aids-Aufklärung von der Aidsberatung Mittelfranken aus Nürnberg zu den Flüchtlingen gekommen sind. Das besondere an ihnen: Sie sprechen alle eine der vielen Muttersprachen der Flüchtlinge. Sonia spricht Arabisch, Benedicta Englisch, und eine Kurdisch sprechende Frau ist auch dabei. „Die Sprachen helfen ihnen, besser an die Flüchtlinge heranzukommen“, sagt Katrin Strohhöfer, die Leiterin der Aidsberatung.

          Finanziert wird das Projekt von der deutschen Aids-Stiftung, die mit solchen Ansätzen versucht, die bestmögliche Hilfe für die Flüchtlinge beim Thema HIV und Aids zu bieten und Aufmerksamkeit darauf zu richten. In Bayern werden alle Flüchtlinge während der Ersterfassung bei der medizinischen Untersuchung auch auf HIV getestet. Auch wenn die Flüchtlinge nur kurz in den Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben, dürften die meistens deshalb schon wissen, ob sie infiziert sind oder nicht. Genaue Zahlen zu den infizierten Flüchtlingen gibt es auch wegen des großen Andrangs zurzeit nach Angaben des Robert-Koch-Instituts nicht, alle Schätzungen seien unsicher.

          Thema HIV und Aids nicht immer im Vordergrund

          Insgesamt leben in Deutschland etwa 83.000 HIV-Infizierte. Diese Zahl steigt jedes Jahr, weil Neuinfizierte hinzukommen und mit der richtigen Behandlung die Lebenserwartung mittlerweile ähnlich hoch ist wie bei der übrigen Bevölkerung. Die Aufklärung von Flüchtlingen ist wichtig, weil manche von ihnen aus Ländern kommen, in denen viel mehr Menschen mit der Immunschwäche infiziert sind als in Deutschland, auch wenn insgesamt nicht angenommen wird, dass der Anteil der infizierten Flüchtlinge viel höher ist als sonst in Deutschland. Dazu seien Männer, die mit Männern schlafen - die mit Abstand größte Gruppe der Infizierten und Erkrankten in Deutschland -, unter den Flüchtlingen zu selten zu finden.

          Weil die akute Not der Flüchtlinge meist alles beherrscht, steht das Thema HIV und Aids nicht immer im Vordergrund: „Wir hoffen, über geschulte Muttersprachler einen direkteren Zugang zu den Flüchtlingen zu bekommen, um sie so für das Thema zu sensibilisieren“, sagt Elisabeth Pott, die ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung. Mit 8000 Euro im Jahr unterstützt die Stiftung die Muttersprachler in Nürnberg, die von dem Geld geschult werden und eine Ehrenamtspauschale für die Veranstaltungen in den Erstaufnahmeeinrichtungen und anderen Flüchtlingsunterkünften bekommen.

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          Ahmad öffnet die Kondompackung und stülpt das Kondom über den Holzpenis. Schnell versucht er es über den Holzpenis zu rollen, merkt dann aber, dass er es falsch herum aufgesetzt hat. Die Gruppe lacht, und auch Sonia grinst unter ihrem Kopftuch. Sie kommt ursprünglich aus Tunesien und ist in den neunziger Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist bei dem Projekt seit Anfang des Jahres dabei. Seit ein paar Jahren arbeitet sie schon als Übersetzerin. Auch wenn sie es als muslimische Frau nicht leicht habe, sich unter Männern zu behaupten, schaffe sie es bei den Männern in der Erstaufnahmeeinrichtung doch. „Sie haben Respekt“, sagt sie. Das liege auch daran, dass sie schon auf dem Rundgang klarmache, dass es sich dabei um ernste medizinische Aufklärung handelt, die nichts Anrüchiges an sich hat. Entsprechend ruhig ist es auch an ihrem Tisch, wenn nicht gerade Ahmad das Kondom falsch aufzieht.

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