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Regelung bei Infektion : Lauterbach schlägt mindestens 21 Tage Isolation bei Affenpocken vor

  • Aktualisiert am

126. Deutscher Ärztetag in Bremen: Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister, spricht bei einer Pressekonferenz zum Stand der Affenpocken-Epidemie. Bild: dpa

Wer sich mit Affenpocken infiziert hat, soll in Deutschland für mindestens 21 Tage in Isolation. Auch Kontaktpersonen empfiehlt der Bundesgesundheitsminister, sich zu isolieren. Bislang sind fünf Affenpocken-Infektionen in Deutschland bekannt.

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          In Deutschland sind weitere Fälle der Affenpocken registriert worden. In Köln wurde das Virus nach Angaben der Stadt in drei Fällen nachgewiesen. „Wir haben jetzt drei bestätigte Fälle und einen Verdachtsfall, wo das Testergebnis noch aussteht“, sagte eine Sprecherin der Stadt am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Unter den drei bestätigten Affenpocken-Fällen sei auch jener, der am Vortag als erster Verdachtsfall in Nordrhein-Westfalen bekannt ge­worden sei. Alle drei Betroffenen befänden sich zu Hause in Quarantäne.

          Der erste nachgewiesene Fall in Deutschland überhaupt war in der vergangenen Woche aus Bayern gemeldet worden. Mehrere weitere Bundesländer meldeten inzwischen Nachweise der Infektionen, darunter Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Berlin. Das Bundesgesundheitsministerium rechnete mit weiteren Nachweisen. „Aufgrund der vielfältigen Kontakte der derzeit Infizierten ist in Europa und auch in Deutschland mit weiteren Erkrankungen zu rechnen“, heißt es im Bericht für den Gesundheitsausschuss des Bundestages.

          Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) stellte jedoch klar, dass die Verbreitung der Affenpocken mit der Krankheitswelle durch Covid-19 nicht vergleichbar sei. „Wir stehen nicht am Vorabend einer neuen Pandemie“, sagte er am Rande des Deutschen Ärztetags am Dienstag in Bremen. Es habe früher schon solche Ausbrüche gegeben, die sich beherrschen ließen. Dennoch müsse man die Fälle ernst nehmen, denn der Verlauf sei anders als bisher.

          Der Präsident der Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, ergänzte, es handle sich bisher um mehr als 177 Ansteckungen in 16 Ländern, das sei ein außergewöhnlich breites Spektrum. Anfang Mai war ein Affenpocken-Fall in Großbritannien nachgewiesen worden, laut Fachleuten kursierte der Erreger da aber wohl bereits in vielen Ländern. Das Virus verursacht meist nur milde Symptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Hautausschlag. Affenpocken können aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen, in Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich.

          Virus verursacht milde Symptome

          Die Erreger würden üblicherweise in Zentral- und Westafrika von Nagetieren übertragen, viele der jetzigen Kranken seien aber gar nicht in diesen Regionen gewesen, so der RKI-Chef. Lauterbach sagte, möglicherweise habe sich das Virus selbst verändert oder die Anfälligkeit der Menschen dafür. Zwar sei die Mehrzahl der Ansteckungen durch Sex unter Männern entstanden, das Virus könne aber auch andere Personen befallen und anders übertragen werden. Bei infizierten Kindern unter 16 Jahren sei in der Vergangenheit eine Sterblichkeit von elf Prozent fest­gestellt worden. Von den in Deutschland infizierten Männern hätten sich mindestens drei im Ausland angesteckt. Die Betroffenen leiden laut Wieler unter Fieber, Hautausschlag, Lymphknotenschwellungen und Schmerzen im Intimbereich.

          Deutschland will die Affenpocken durch die rasche Isolation von Infizierten unter Kontrolle halten. Angesteckte sollten sich 21 Tage lang isolieren – so lange könnten die Inkubationszeit und das Abfallen der ansteckenden Hautkrusten dauern. Es gebe eine dringende Empfehlung, dass sich Kontaktpersonen ebenso lange in Quarantäne begäben. „Wir müssen hart und früh reagieren“, sagte Lauterbach. Falls sich die Krankheit so nicht in den Griff bekommen lässt, will man möglicherweise Ringimpfungen unter Kontaktpersonen anbieten. Dafür kann das Bundesgesundheitsministerium bis zu 40.000 Dosen eines Impfstoffs aus den USA beziehen. Der sei in der EU noch nicht zugelassen, könne hier aber verwendet werden.

          Geringe Gefahr für die Allgemeinbevölkerung

          Wieler sagte, es gebe nur eine geringe Gefahr für die Allgemeinbevölkerung, man müsse aber weitere Fälle erwarten. Wer bis 1975 in Westdeutschland und bis 1982 in der DDR gegen Pocken geimpft worden sei, habe vermutlich einen guten Schutz. Doch dieser nehme ab. Auch ein Erkrankter in Deutschland habe als Kind solch eine Impfung erhalten.

          Wie bisher über die Verbreitung der Affenpocken gesprochen wurde, wird derweil von Mitgliedern der LGBTQ-Community kritisiert. Grund dafür ist eine Formulierung, die in einem RKI-Bulletin abgedruckt worden war: Männer, die Sex mit Männern haben („MSM“), sollten sich, wenn sie ungewöhnliche Hautveränderungen an sich beobachten, in medizinische Versorgung begeben. Mittlerweile ist die Formulierung verschwunden.

          Dass erst einmal nur Schwule angesprochen wurden, sei ein Problem, sagt Sven Lehmann (Grüne), der Queer-Beauftragte der Bundesregierung. Auf Twitter schrieb er: „Erstens bedient es ohne Not homofeindliche Muster. Und zweitens fühlen sich andere nicht gemeint, die aber gefährdet sind.“ Auch die Weltgesundheitsorganisation warnt in einem Bericht vom 21. Mai davor, Männer, die Sex mit Männern haben, in der Kommunikation über Affenpocken zu stigmatisieren. Lauterbach sagte dazu am Dienstag, die Hauptrisikogruppe seien homosexuelle Männer. Diese müsse man gezielt ansprechen, das sei keine Stigmatisierung.

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