https://www.faz.net/-gum-8ie2n

Krankheiten googeln : Plötzlich hat jeder Krebs

Wo geht’s lang? Nicht nur im Krankenhaus ist die Orientierung für Patienten manchmal schwierig. Bild: Pixtal/F1online

Ärzte mögen keine googelnden Patienten. Die Recherche fördert Angst vor Krankheiten und hat sogar einen eigenen Namen: Cyberchondrie. Doch es gibt auch hilfreiche Medizinseiten.

          Wer einen geschwollenen Lymphknoten hat und lange genug im Netz nach dem Grund dafür sucht, leidet, so muss das enden, an Krebs. Das ist zwar wahrscheinlich falsch, aber trotzdem gefährlich. Es gibt einen Fachbegriff dafür, wenn Menschen sich durch Forenrecherche in ihre Angst vor Krankheiten hineinsteigern. Er heißt Cyberchondrie, und wer weiß: Womöglich implodiert das Netz, wenn jetzt alle wissen wollen, ob sie davon betroffen sind.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Etwa 40 Millionen Menschen informieren sich im Internet über Gesundheitsthemen. Den Ärzten gefällt das nicht. Die Bertelsmann Stiftung hat rund 800 Mediziner verschiedener Fachrichtungen befragt, und 45 Prozent von ihnen finden: Die Googelei belastet die Arbeit in den Praxen nur. Ein weiteres Drittel sieht das zumindest teilweise so. Andere Minuspunkte für das Netz nach Ansicht der Mediziner: Die Patienten werden verwirrt und haben ein schlechteres Verhältnis zum Arzt. „Es ist“, sagt Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung, „als würden die Ärzte sich wünschen, dass das Internet wieder weggeht.“

          Dabei gibt es seriöse Informationen im Internet – nur sind diese selbst bei Ärzten kaum bekannt. Der Studie zufolge kennen sich nur sieben Prozent der Befragten sehr gut aus mit dem Angebot. Und was schon für die Profis schwer zu finden ist, das bleibt dem Patienten erst recht verborgen: Wer seine Symptome googelt, dem werden weit oben auf der Liste die oft fragwürdigen Antworten hysterischer Selbsthilfe-Communities wie Gutefrage.net angezeigt.

          Dafür gibt es einen Grund. Die Seiten mit den richtigen und für den Laien verständlichen Informationen haben sich lange nicht um Suchmaschinenoptimierung geschert. Erster Rat also: nicht erst auf Google, sondern direkt auf Fachseiten gehen. Wir stellen ein paar gute vor.

          Welche Seiten weiterhelfen

          Fachportale

          In der Studie der Bertelsmann Stiftung sollten Ärzte die Vertrauenswürdigkeit mehrerer Internetportale bewerten.

          Besonders gut schnitt die Patientenseite des Deutschen Krebsforschungszentrums ab: 70 Prozent der befragten Ärzte, denen das Angebot geläufig war, hielten es für gut. Auf den Seiten finden Patienten Nachrichten zum Thema Krebs, es werden Statistiken geliefert und die physiologischen Hintergründe der Erkrankung erklärt. Zu den einzelnen Krebsarten fasst die Seite die wichtigsten Informationen übersichtlich zusammen. Auch für andere Krankheiten gibt es Fachseiten, die für Patienten gedacht sind. Einige davon betreiben die medizinischen Fachgesellschaften. Eine Übersicht gibt es beim ÄQZ (siehe oben).

          www.krebsinformationsdienst.de

          Blabla-Übersetzer

          Versuchen wir es mit diesem Satz:

          „Reguläre Transparenz der ossären Strukturen.“ Nicht nur, dass er kein einziges Verb enthält – ärztliche Befunde bestehen notwendigerweise aus vielen Fachbegriffen und sind für die meisten Patienten nicht zu verstehen. Medizinstudenten der TU Dresden lösen dieses Problem: Patienten können ihren Befund ins Internet hochladen, die werdenden Mediziner übersetzen ihn in verständliches Deutsch. Das soll den Kranken helfen, mit ihren Ärzten auf Augenhöhe zu sprechen. Das Projekt ist kostenlos, mehrfach ausgezeichnet und finanziert sich über Spenden. Partner ist unter anderem das ÄQZ (siehe links oben). Bis ein Befund bearbeitet wird, kann es bis zu zwei Wochen dauern.

          www.washabich.de

          Von Ärzten gemacht

          Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄQZ) ist ein Zusammenschluss von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, es betreibt mehrere Internetseiten. Die sind besonders für Volkskrankheiten wie Asthma und Depression zu empfehlen. Betroffene können sich dazu jeweils zweiseitige PDF-Dateien herunterladen. Die sind verständlich formuliert und fassen alles für den Anfang Nötige zusammen: Was sind, zum Beispiel, die Anzeichen für eine Depression? Welche Therapien gibt es? Wer tiefer einsteigen will, kann auf sogenannte Nationale Versorgungsleitlinien zurückgreifen: systematisch entwickelte Entscheidungshilfen über Therapien, die Patienten am besten mit dem Arzt durchgehen.

          www.patienten-information.de; www.leitlinien.de

          Mit gesetzlichem Auftrag

          Sowohl das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) als auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) sind gesetzlich verpflichtet, geprüfte und unabhängige Informationen bereitzustellen. Auf den Seiten der UPD gibt es die auch auf Türkisch und Russisch. Außerdem sind die Berater telefonisch zu erreichen, dann sprechen sie bei Bedarf auch Arabisch. Die Patientenseite des IQWIG informiert über alles vom Achillessehnenriss bis zum Zwölffingerdarmgeschwür. Dem ans schnelle Klicken gewöhnten Internetnutzer wird es hier im Vergleich leichtgemacht: Die Informationen kommen häppchenweise, sind hübsch aufgemacht und leicht verdaulich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.