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Hyperaktivität : Diagnose Zappelphilipp

Ursachenforschung: Wissenschaftler gehen von neurobiologischen und psychosozialen Faktoren aus. Bild: dpa

Unkonzentriert, lebhaft und laut: Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom stellt besonders für Kinder eine massive Belastung dar. Aber nicht jedes Kind, das unkonzentriert und laut ist, leidet an der Erkrankung.

          Für ADHS, die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, gibt es viele Erklärungen. Eine reicht bis in die Zeit der Jäger und Sammler zurück, als der Mensch gezwungen war, ständig in Bewegung zu sein. Höhlenbewohner mussten nicht still sitzen können, so wie man es von Schulkindern erwartet. An der Theorie, ADHS sei ein Überbleibsel in unseren Genen aus vergangenen Zeiten, mag etwas dran sein. Sie erklärt aber nicht, warum nun immer mehr Jugendliche an ADHS leiden sollen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Aktuelle Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) belegen diesen Trend. Demnach haben Ärzte in Deutschland seit 2006 von Jahr zu Jahr mehr Fälle diagnostiziert. Ausgewertet wurde die in den Abrechnungsdaten der Mediziner dokumentierte Häufigkeit der Diagnose bei AOK-versicherten Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17Jahren. Dabei zeigte sich, dass 2014 knapp jeder zehnte zehnjährige Junge als hyperaktiv eingestuft wurde. Insgesamt wurde bei 6,4Prozent aller Jungen ADHS festgestellt, der Anteil bei den Mädchen lag mit 2,2Prozent klar darunter.

          Zugleich weist das Institut darauf hin, dass die Zahl der Diagnosen zwar zugenommen habe, die tatsächliche Krankheitshäufigkeit jedoch in den vergangenen 30 Jahren nicht gestiegen sei. Das zeigten Studien, die den Anteil der ADHS-Fälle nicht aus Verordnungsdaten der Ärzte, sondern auf Basis standardisierter Diagnosekriterien ermittelt haben. „Die steigende Rate der von den Ärzten dokumentierten ADHS-Diagnosen deutet darauf hin, dass die Aufmerksamkeit für die Erkrankung bei Ärzten, Familien und ihrem Umfeld in den vergangenen Jahren zugenommen hat“, schreibt die AOK über ihre am Montag veröffentlichte Analyse. „Daher wird ADHS mittlerweile deutlich besser erkannt und entsprechend häufiger behandelt als in der Vergangenheit.“ Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, wird dabei aber nicht häufiger eingesetzt. Seit die Verordnung des Arzneistoffs 2010 eingeschränkt wurde, gehen die Verbrauchszahlen des medikamentösen Ruhigstellers zurück.

          Keine leichte Diagnose

          Dass ADHS eine psychiatrische Entwicklungsstörung ist, steht inzwischen außer Frage. Sie gilt als häufigste psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Allerdings lässt sich ADHS noch immer nicht leicht diagnostizieren. Selbst Ärzte tun sich damit schwer, wie Zahlen der AOK zeigen. Demnach wird ADHS zum Beispiel in Würzburg fünf Mal häufiger diagnostiziert als in Bremen. Woher die regionalen Unterschiede kommen, ist nicht erforscht, aber es scheint so zu sein, dass kindliches Verhalten, das früher als normal galt, heute mitunter vorschnell als behandlungsbedürftig eingestuft wird.

          Anteil hyperaktiver Kinder: Jungen sind häufiger betroffen. Bilderstrecke

          Nicht jedes Kind, das unkonzentriert, lebhaft und laut ist, leidet an der früher gerne als Zappelphilipp-Syndrom bezeichneten Erkrankung. Seit Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ wird darüber diskutiert, was die Ursache sein könnte. Die Erziehung der Eltern macht die Kinder jedenfalls nicht krank, höchstens kränker. Die Forschung nimmt an, dass neurobiologische und psychosoziale Faktoren zusammenwirken.

          Bei ADHS lässt sich eine Verminderung des Botenstoffs Dopamin im Hirn nachweisen, Reize können nicht richtig verarbeitet werden. Bei Kindern, die mit Reizen überflutet werden (durch Fernsehen oder Computerspielen), kann der Verlauf der Krankheit negativ beeinflusst werden. Auch Schwangerschaftskomplikationen oder ein niedriges Geburtsgewicht gelten als Risikofaktoren, wie es in der Stellungnahme der Bundesärztekammer heißt. Als bedeutsame eigenständigeRisikofaktoren gelten pränatale Alkohol- und Nikotinexposition. ADHS ist behandelbar, und nicht nur medikamentös. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie ist wichtig, denn unter der Krankheit kann auch der erwachsene Mensch noch leiden.

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