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Achtlinge in Kalifornien : Schöne Fertilitätskatastrophe

  • -Aktualisiert am

Die Ärzte Karen Maples, Harold Henry und Mandhir Gupta nach der Geburt der Achtlinge Bild: AP

Vermutlich ist die moderne Reproduktionsmedizin verantwortlich für die Achtlingsgeburt in der Nähe von Los Angeles. Deutsche Mediziner sind skeptisch - bei Mehrlingsgeburten wie diesen sind Schäden für Mutter und Kinder möglich.

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          Der Bonner Reproduktionsmediziner Benjamin Rösing nennt die Geburt der kalifornischen Achtlinge in der 30. Schwangerschaftswoche „eine reife Leistung“. Das Wort „reif“ ist dabei gleich zweifach zu verstehen: „Dass die Achtlinge bis zur 30. Woche in der Gebärmutter bleiben konnten, ist sehr beachtlich“, lobt Rösing die amerikanischen Kollegen. „Mehrlinge müssen häufig schon viel früher auf die Welt geholt werden.“ Zwar gilt ohnehin alles vor der 37. Woche als Frühgeburt mit allen verbundenen Risiken. „In der 30. Woche“, so Rösing, „sind viele Säuglinge aber schon relativ stabil und ausgereift.“

          Bei der Anerkennung deutscher Mediziner für den späten Entbindungszeitpunkt endet aber auch schon die positive Wahrnehmung des Geschehens in Kalifornien. Eine Frau, deren Identität nicht näher bekannt gegeben wurde, brachte hier am Montag per Kaiserschnitt acht Babys zur Welt. Die sechs Jungen und zwei Mädchen sind zwar alle am Leben und offenbar gesund, wiegen aber nur zwischen 680 und 1470 Gramm. Ab der 23. Schwangerschaftswoche an musste die Mutter stationär im Kaiser-Permanente-Krankenhaus in Bellflower bei Los Angeles untergebracht werden. Bei der Geburt, die nur fünf Minuten dauerte, war ein Team von 46 Ärzten und Helfern zur Stelle.

          Gefahr von Langzeitschäden

          Zwei der Neugeborenen müssen nun künstlich beatmet werden. Und selbst wenn 30 Wochen für Achtlinge eine recht lange Reifungszeit sind, ist noch nicht abzusehen, ob die für Frühgeborene typischen Schäden auftreten: Hirnblutungen, Lungenfunktionsprobleme, Störungen des Magen-Darm-Traktes. „Achtlinge sind eine Katastrophe“, fasst es Sören von Otte zusammen, der Leiter des Fertilitycenters in Kiel. „Auch später können bei den Kindern noch Sehstörungen, Epilepsien und Intelligenzminderung auftreten.“ Ob alle Kinder überleben werden, sei nicht sicher, sagt der Chef der Frühgeborenenstation in Bellflower, Mandhir Gupta. „Das Kleinste hat noch einen langen Weg vor sich.“ Die Mutter sei eine „sehr mutige und sehr starke Frau“, sagte Gynäkologin Karen Maples der „Los Angeles Times“.

          Wie konnte es überhaupt zu der Achtlingsschwangerschaft kommen? Auf die Frage antworteten die kalifornischen Ärzte mit Schweigen. „Dass Achtlinge spontan entstehen, habe ich noch nie gehört“, sagt Benjamin Rösing. Stattdessen ist vermutlich die moderne Reproduktionsmedizin verantwortlich.

          Mehrlinge können dadurch entstehen, dass mehrere im Reagenzglas gezeugte Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt werden. Oder es reifen durch Tabletten mit eierstockstimulierender Wirkung mehrere Eizellen bei der Frau heran und werden dann gleichzeitig befruchtet. „Im kalifornischen Fall halte ich es für wahrscheinlich, dass die Frau Tabletten mit dem Wirkstoff Clomifen eingenommen hat“, mutmaßt Rösing. „Die Frau nimmt die Tabletten selbständig ein. Was dann passiert, wird nicht so engmaschig kontrolliert wie nach einer Befruchtung im Reagenzglas, wenn die Embryonen bewusst übertragen werden.“

          „Im Ultraschall ist das ein Gewimmel von Beinen, Armen, Bäuchen und Herzen“

          In den Vereinigten Staaten ist es anders als in Deutschland durchaus üblich, mehr als drei Embryonen in die Gebärmutter zu transferieren. „Vier oder fünf Embryonen einzusetzen ist keine Seltenheit“, sagt Rösing. Natürlich sei es denkbar, dass sich mehrere solcher Embryonen noch einmal teilen, so dass sich eine Achtlingsschwangerschaft schließlich aus eineiigen Zwillingen oder sogar eineiigen Drillingen zusammensetzt. „Aber so ein Zufall ist eher unwahrscheinlich.“ Entwickeln sich nach künstlicher Befruchtung tatsächlich einmal mehr als zwei Kinder in der Gebärmutter, töten amerikanische Ärzte oft „überzählige“ Föten – was Ärzte in Deutschland ethisch nicht für vertretbar halten. In den Vereinigten Staaten kommen dennoch immer wieder Fünf- oder gar Sechslinge zur Welt. Zwischen 1995 und 2005 gab es im Mittel fast 80 solcher Geburten pro Jahr.

          Das Statistische Bundesamt führt für Deutschland nur eine Liste über Drillinge. Auch hieraus ist aber immerhin ein Trend abzulesen: Mit dem Aufkommen der Reproduktionsmedizin stieg die Rate seit 1984 sprunghaft. Plötzlich brachten statt wie bisher eine zunächst zwei von 10.000 Gebärenden Drillinge zur Welt. Bis Ende der Neunziger stieg diese Zahl auf sechs. Erst seit dem Jahr 2000 geht die Rate langsam zurück. Ärzte betrachten Drillinge mittlerweile fast als Kunstfehler wegen der vielen Gefahren für Kinder und Mutter. Die Frau in Kalifornien etwa litt unter Rückenschmerzen und blieb weitgehend im Bett. „Mehrlingsmütter befinden sich unter einer extremen Kreislaufbelastung“, sagt Ulrich Gembruch, Direktor der Abteilung für Geburtshilfe an der Universität Bonn. „Um die Wehen bei Mehrlingsschwangerschaften zu hemmen und die Kinder möglichst lange im Mutterleib reifen zu lassen, gibt man Medikamente mit schweren Nebenwirkungen auf Herz und Lunge.“

          Und wie kam es, dass die Ärzte zunächst nur mit sieben Kindern gerechnet hatten und vom achten im Kreißsaal überrascht wurden? „Im Ultraschall ist das ein Gewimmel von Beinen, Armen, Bäuchen und Herzen“, sagt Benjamin Rösing. „Man kann leicht ein Kind übersehen.“ Die schlechten Überwachungsmöglichkeiten sind auch ein Grund, die Schwangerschaft vorzeitig zu beenden. Die Frage, ob die Frau die Kinder stillen werde, beantworteten die kalifornischen Ärzte mit einem klaren Ja. Rösing meint dazu nur trocken: „Man kann es ja probieren – wenn man gar nicht mehr schlafen will.“

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