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Abtreibung als Comic : „Ich habe es zu keinem Zeitpunkt bereut“

Julia Zejn, Jahrgang 1985, ist freie ­Illustratorin und lebt mit Partner und Kind in Leipzig. „Andere Umstände“ ist ihr zweites Buch. Bild: Privat

Die Zeichnerin Julia Zejn zeigt Schwangerschaftsabbrüche so, wie viele Frauen sie empfinden: Als Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen wird, aber mit der sie im Reinen sind.

          5 Min.

          Frau Zejn, warum braucht es einen Comic über Abtreibung?

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Obwohl Schwangerschaftsabbrüche sehr häufig sind, wird über das Thema wenig gesprochen. Angeblich hat jede fünfte bis sechste Frau in ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch. Deshalb war es mir wichtig, eine ganz gewöhnliche Alltagsgeschichte zu erzählen. Es sollte nicht um eine Notsituation gehen wie eine Gewalttat oder medizinische Gründe. Ein Kind zu bekommen passt für meine Protagonistin zu diesem Zeitpunkt einfach nicht. Für Anja ist klar: Es geht nicht.

          Das ist Alltag?

          Es gibt bis heute kein zu hundert Prozent sicheres Verhütungsmittel. Man könnte auch sagen: Jede Frau, die am Ende ihrer fruchtbaren Phase nicht irgendwann aus Versehen ungewollt schwanger geworden ist, hatte auch Glück. Ein Abbruch kann etwas sein, das einfach zum Leben dazugehört.

          Der Schock: ­Protagonistin Anja erfährt, dass sie schwanger ist.
          Der Schock: ­Protagonistin Anja erfährt, dass sie schwanger ist. : Bild: Julia Zejn/Avant-Verlag

          Trotzdem sind die Frauen allein damit?

          Ich habe einen Aufruf auf Facebook und Instagram gemacht und für mein Buch ungefähr 20 Frauen befragt. Das hat meine Wahrnehmung bestätigt, dass das Thema verschwiegen wird und man sich nicht austauscht. Viele Frauen öffnen sich nicht. Dabei leben meine Protagonistin und die Frauen, mit denen ich Interviews geführt habe, in einer gebildeten Bubble in der Großstadt. Ich glaube, dort ist das noch viel weniger ein Problem als im ländlichen Raum. Dort kann es schon schwierig werden, überhaupt eine Praxis zu finden, die den Abbruch durchführt.

          Wie ging es den von Ihnen befragten Frauen mit ihrer Entscheidung?

          Eigentlich sind alle gut damit zurechtgekommen, bis auf eine, die sehr gerne ein Kind gehabt hätte, aber von ihrem Freund zu diesem Schritt gedrängt worden war. Diese Frau war im Nachhinein sehr traurig. Insgesamt hat meine Recherche ergeben: Ein Schwangerschaftsabbruch ist nichts, das ein Leben lang bereut wird. Die Frauen sind sich mit ihrer Entscheidung sicher. Und sie fühlen sich mit der Entscheidung auch gut. Das ist etwas ganz anderes, als einem gesellschaftlich vermittelt wird.

          Nämlich?

          Da herrschen viele Vorurteile: dass man nicht darüber spricht, dass es etwas Schlimmes ist, dass es einen psychisch belastet. Vermutlich einfach, weil dieser Paragraf 218 immer noch im Strafgesetzbuch steht. Wenn etwas als Straftat gilt, muss man sich schließlich schuldig fühlen. Ich bin in einem katholischen Dorf aufgewachsen. Auch wenn meine Eltern weder besonders konservativ noch katholisch waren, bin ich mit dem Gedanken groß geworden, dass ein Schwangerschaftsabbruch eine grausame Tat ist, die man sein Leben lang bereuen wird. Blöderweise kann ich nicht mal mehr sagen, wo das herkommt, ob das schon in der Schule so kommuniziert worden ist. Aber diesen Gedanken muss ich irgendwo aufgeschnappt haben. Erst als erwachsene Frau habe ich verstanden, dass dem nicht unbedingt so sein muss.

          Haben sich Ihre Interview­partnerinnen schuldig gefühlt?

          Nein, gar nicht. Das ist übrigens auch der Befund, den man in der Literatur zum Thema findet: Wenn die Entscheidung ohne Druck gefällt worden ist, können Frauen da gut mit umgehen. Das angebliche „Post Abortion Syndrom“, dem zufolge ein Schwangerschaftsabbruch ähnlich wie ein Kriegstrauma traumatische Belastungsstörungen mit sich bringt, ist von amerikanischen Abtreibungsgegnern am Reißbrett erfunden worden. Es gibt für dieses Krankheitsbild keinen wissenschaftlichen Nachweis. Es wird aber trotzdem von Abtreibungsgegnern kommuniziert, um Frauen, die ungewollt schwanger sind, Angst zu machen.

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