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Abendessen mit Karen Duve : Ein Ruck durchs Leben

Wohngemeinschaft auf dem Land: Karen Duve mit ihrem Schützling Rudi, einem Huhn, das sie aus einer Biofarm befreit hat, weil es mit gebrochenem Bein im Käfiggitter hing Bild: picture alliance / dpa

Zehn Monate ohne Fleisch, Eier, Milch und Kartoffeln - die Schriftstellerin Karen Duve hat es ausprobiert. Noch vor einem Jahr hätte sie sich kaum als politischen Menschen bezeichnet. Jetzt hat sie eine Mission.

          6 Min.

          Es gibt Rührei mit Zwiebeln und frischer Paprika. Ein gebratenes Etwas, das nach Schnitzel aussieht und Schnitzel heißt, dank Curryketchup auch geschmacklich an Schnitzel erinnert, aber nicht aus Fleisch, sondern aus Weizeneiweiß besteht. Wer mag, bekommt einen Rest sanft scharfe Kürbissuppe vom Vortag. Karen Duve bestreicht Toast mit eifreier Mayonnaise. Sie drückt zwei Scheiben Tomaten in die Creme, rote Paprika und ein Pilzschnittchen, schneidet Schnittlauch vom Topf und würzt mit Pfeffer und Salz. „Es ist ja nicht so, dass man Mangel leiden muss, nur weil man nicht am Untergang der Welt beteiligt sein will“, sagt die Neunundvierzigjährige. Dann beißt sie in ihr Brot.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Karen Duve ist es gewohnt, dass ein neues Buch von ihr die Medien interessiert. Als Schriftstellerin (zuletzt: „Taxi“) zählt sie zu den Etablierten der deutschen Gegenwartsliteratur. Interviews gehören da zum Geschäft, und Duve sagt von sich, dass sie als Verkäuferin in eigener Sache bereitwillig die Avon-Beraterin gebe, um sich für ihre Produkte ins Zeug zu legen. Bloß: Soviel Duve war nie. Sonntag bei „Anne Will“, anschließend drei Tage Fernsehteams im Haus, Freitag zur nächsten Talkshow nach Köln. Ihr neuer Titel ist noch keine zwei Wochen alt und schon in den Bestsellerlisten: „Anständig essen“. Untertitel: „Ein Selbstversuch.“

          Die Schriftstellerin hat ein Buch geschrieben, das ihr Leben verändert hat. Zehn Monate lang hat sie ihr Essverhalten immer strengeren moralischen Standards unterzogen. In der ersten Phase kaufte sie ausschließlich Bioprodukte. Anschließend ernährte Duve sich fleischlos. Später ließ sie auch alle anderen Tierprodukte weg. Am Schluss kam nur noch auf den Teller, was die Natur freiwillig hergibt, weil es die Pflanze nicht zerstört, Erbsen, Äpfel und Nüsse etwa. Kartoffeln und Möhren waren tabu.

          „Schön war das insgesamt nicht“

          Diese Extremphase als „Frutarierin“ bezeichnet Duve rückblickend als die schwierigste ihres Experiments: weniger wegen der Eintönigkeit im Speiseplan als der damit verbundenen Isolation. Gleichzeitig war es für sie die größte Überraschung, sich ausgerechnet in dieser Zeit am besten zu fühlen: so voller Energie. Fragt man Karen Duve aber nach der schönsten Erfahrung des vergangenen Jahres, antwortet sie ohne zu zögern: „Schön war das insgesamt nicht.“ Während sie sich tagsüber gewissermaßen hauptberuflich mit den Bedingungen moderner Massentierhaltung beschäftigte, plagten sie nachts Albträume. Die Bilder von schlecht betäubten Kühen, die kopfunter an Förderbändern hängend, schreien, weil sie noch bei Bewusstsein sind, während ihnen die Beine abgesägt werden, gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf.

          Dann fällt ihr der Schlüsselmoment ein, von dem sie heute sagt: „Es hat so einen Ruck durch mein Leben gegeben.“ Das war die Nacht, in der sie mit radikalen Tierschützern in eine Hühnerfarm einstieg, um die Zustände dort zu filmen. Karen Duve ist keine Abenteurerin. Nie würde sie schwarzfahren oder Kriminalität romantisieren. Heilfroh war sie, als sie die Halle mit den geschundenen Biohühnern wieder verlassen hatten, ohne erwischt worden zu sein. Trotzdem war sie mit sich im Reinen. Gerade weil sie getan hatte, was ihrer Meinung nach getan werden musste – obwohl es verboten war. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was man Tieren meiner Meinung nach zumuten darf, und dem, was unser Staat erlaubt“, sagt Karen Duve. Und: „Es kann mir niemand abnehmen, selbst zu entscheiden, was gut und was böse ist.“ Sie wirkt fröhlich und aufgeräumt; nicht einmal ansatzweise so herb wie im „Anne-Will“-Gemenge mit Vertretern der Fleischlobby. Sie sagt, ihr Leben habe an Intensität gewonnen.

          Das Huhn Rudi wohnt zu Reha-Zwecken in der Küche

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