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Astronaut Gerhard Thiele : „Enge macht mir nichts aus“

Wenig Platz auf dem Flugdeck: Gerhard Thiele bei einer Videoübertragung am 18. Februar 2000 im amerikanischen Space Shuttle Endeavour. Bild: Picture-Alliance

Der ehemalige Astronaut Gerhard Thiele war elf Tage lang im Space Shuttle unterwegs. Ein Gespräch über Kurzzeitmissionen, die Psychologie von Astronauten und eine notwendige Tagesstruktur.

          4 Min.

          Herr Thiele, Sie waren im Jahr 2000 als zehnter deutscher Raumfahrer elf Tage lang im Weltraum – elf Tage in großer Enge…

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ich war im Space Shuttle unterwegs und da ist der Platz schon sehr, sehr begrenzt. Man kann das nicht vergleichen mit der Raumstation. Dort müssen die Astronauten allerdings sehr viel länger bleiben.

          Wie kann man sich die Dimensionen konkret vorstellen?

          Der Platz ist etwa so groß wie zwei mal drei Sitze. Auf dem Flugdeck sind es vier Sitze, von denen zwei dauerhaft drinbleiben müssen. Ein bisschen hilft die dritte Dimension, man ist ja nicht an den Fußboden gebunden. Dennoch: der Platz ist schon sehr beengt.

          Ist Ihnen die Zeit auf so engem Raum mit fünf anderen Personen schwer gefallen?

          Mir persönlich ist es nicht schwer gefallen, Enge macht mir nichts aus. Die elf Tage waren am Ende auch vergleichsweise kurz. Man begibt sich ja mit einem Auftrag ins All, den man so gut wie möglich erfüllen will, und auf diesen richtet sich alle Konzentration. Mögliche Einschränkungen nimmt man deswegen gar nicht als solche wahr. Das gilt nach meiner Auffassung zumindest für eine Kurzzeitmission. Ich denke, grundsätzlich gilt das auch für eine längere Mission, wobei hier sicher noch andere Dinge zum Tragen kommen.

          Zum Beispiel?

          Man kann sich als Mensch für eine kürzere Zeit sehr stark einschränken und reduzieren. Das kann, so glaube ich, fast jeder. Das über eine längere Zeit durchzuhalten, ist vielleicht nicht jedem gegeben. So würde ich auch bei uns Astronauten erwarten, dass es eine Bandbreite gibt, wie gut man mit der Isolation und der Enge zurecht kommt –  obwohl wir nun alle speziell ausgewählt wurden für diese Aufgabe.

          Worauf gründet sich diese Bandbreite?

          Wir sind eben alle unterschiedlich! Ich könnte mir vorstellen, dass jemand, der eher introvertiert veranlagt ist, sich damit leichter tut, als jemand, der ständig den Kontakt nach außen braucht. Im Shuttle hatte ich fünf liebe Kollegen, die ständig erreichbar waren, in unmittelbarer Nähe. Ich war also nicht alleine. Auf einer Raumstation mag es schwieriger sein, wenn man über einen längeren Zeitraum immer von den gleichen Menschen umgeben ist. Am Ende kommt es auf die richtige Mischung an, wie gut die und der Einzelne mit der Situation der Enge und Isolation zurecht kommt.

          Die Raumfahrtbegeisterung hat sich vererbt: Thieles Tochter Insa Thiele-Eich trainiert derzeit für ihren ersten Raumflug.

          Nach Ihrem Flug waren Sie bei der ESA unter anderem für die Astronautenauswahl verantwortlich. Ist dabei auch ein Thema, wie Kandidaten mit der Isolation umgehen können?

          In der Auswahl versuchen wir das schon zu berücksichtigen. Psychologen haben sehr detaillierte und fundierte Fragebögen, um herauszufinden, wer besser oder eher weniger für so eine Aufgabe geeignet ist. Aber man muss ganz klar sagen: The proof is in eating the pudding. Wir können nicht zuverlässig ausschließen, dass wir auch einmal völlig daneben liegen. Zum Glück haben wir bei der letzten europäischen Auswahl wirklich Volltreffer gelandet, im positiven Sinne. Leider gibt es Beispiele, wo das nicht unbedingt so gewesen ist.

          Tatsächlich?

          Natürlich. Es gibt Fälle, da hat man gesehen: Das ist ein lieber und netter Mensch, nur nicht der richtige für diesen Beruf.

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