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Gesellschaft : Rückkehr des Biedermeier?

  • -Aktualisiert am

Biedermeier, hier mal lustig Bild: dpa

Freizeitforscher erkennen einen Rückzug ins Private und eine neue Ernsthaftigkeit. Ist Schluss mit der Oberflächlichkeit?

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          Erleben wir ein neues Biedermeier? Eine Untersuchung des BAT-Freizeitforschungsinstitutes deutet darauf hin.

          Vor 184 Jahren begann in Deutschland eine Epoche, die als Biedermeier bekannt ist. Es war die Zeit nach den Napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress. Sie dauerte bis zur Revolution von 1848. Es war eine halbwegs friedliche Zeit. Sie war aber auch von Bevormundung und wirtschaftlicher Not geprägt. Die Menschen suchten nach Geborgenheit im häuslichen Kreis und sehnten sich nach dauerhaften Freundschaften. Um die Freundschaft entstand ein richtiger Kult. Souvenirs hielten das Gedächtnis an geliebte Personen und wichtige Stationen des Lebensweges fest. Von der Dose bis zum Porzellan: Alles erinnerte an die Lieben.

          Kehrt jetzt das Biedermeier zurück? Den Eindruck erweckt eine Untersuchung von Hamburger Freizeitforschern. 51 Prozent der Deutschen sagen, dass für sie die Familie im Mittelpunkt steht. 1999 waren es 44 Prozent. "Biedere" Tätigkeiten wie Gartenarbeit (39) und Heimwerken (21) sind im Kommen. „Die Menschen wollen mit der Welt ins Reine kommen und sind auf der Suche nach dem inneren Frieden“, glaubt der Leiter des Instituts, Horst W. Opaschowski. „Das kann ein Rückzug in die Familie und auch eine Neubesinnung auf das Beständige sein, was dem Leben einen Sinn gibt.“

          Neben Aktivitäten in den eigenen vier Wänden nimmt der Befragung zufolge die Neigung zu, im privaten Kreis über "wichtige Dinge" zu reden. 34 Prozent der Befragten gaben auf die Frage nach der Beschäftigung in der letzten Woche oder am Wochenende an, Gespräche über wichtige Fragen des Lebens geführt zu haben. Zwei Jahre zuvor hatten dies lediglich 26 Prozent angegeben.

          „Zur Ruhe kommen, in Ruhe gelassen werden und sich in Ruhe pflegen deuten auf einen Einstellungswandel hin, der Wohnen und Wohnumfeld wieder stärker in das Zentrum der persönlichen Lebensqualität rückt.“ Ein deutlicher Wertewandel ist der Studie zufolge bei der jungen Generation festzustellen. Bei den 14- bis 29-Jährigen erlebten traditionelle Werte wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Höflichkeit und Fleiß eine „Renaissance“. Die Selbstenfaltung hingegen verliere an Bedeutung, Kritik- und Kontaktfähigkeiten sowie Spontaneität und Offenheit seien weniger gefragt als noch vor wenigen Jahren.

          Die junge Generation suche ein Leben im Gleichgewicht, eine ausgeglichene Balance zwischen Wohlstand und Wohlbefinden, meinte Opaschowski. „Sie legt besonderen Wert darauf, im Leben etwas zu leisten und das Leben zu genießen.“

          Nachhaltig zum Wertewandel in Deutschland hat nach Ansicht Opaschowskis die deutsche Vereinigung beigetragen. „Die mehr konservativen Werte der Ostdeutschen haben den Selbstenfaltungs-Trend der Westdeutschen spürbar gebremst.“ Umgekehrt habe der Lebensstil in den alten Bundesländern auch die neuen beeinflusst.

          Bemerkenswert sei etwa, dass „Unternehmungen mit Sinnbezug stärker gefragt sind“. So hatten bei der Befragung 16 Prozent berichtet, in den letzten Tagen in der Kirche gewesen zu sein, aber nur 12 Prozent hatten Sportveranstaltungen besucht.

          „Erstmals ist auch wieder das Engagement in Bürgerinitiativen gestiegen, die Mitarbeit in Parteien und Gewerkschaften hingegen hat ihren absoluten Tiefpunkt erreicht“, sagte der Forscher.

          Der 11. September dürfte den Stimmungswandel gefördert haben. Die Menschen ziehen sich in ihren Cocon zurück. Vielleicht lesen sie ein Buch, um zu verstehen, was derzeit in der Welt geschieht oder sie unterhalten sich darüber mit Freunden. Zumindest vorübergehend ist Schluss mit der Suche nach oberflächlichem Spaß.

          Dabei muss das Biedermeier gar nicht freudlos sein. Es wurde viel gefeiert. Und prüde war es schon gar nicht - wie der Kult um Bauchnabel und Strumpfband belegt. Die Spaßgesellschaft geht also nur in eine neue, gemütlichere Runde.

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