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Gesellschaft : Alles in Ordnung

  • -Aktualisiert am

So soll ein Schreibtisch nicht aussehen: Chaos verhindert effektives Arbeiten Bild: Arnd Petry

Es ist noch nicht lange her, da galt Ordnung als kleinkariert und spießig. Mit der „Simplify your life“-Welle erlebt die deutsche Tugend ein wundersames Comeback.

          6 Min.

          Wenn Edith Stork ins Haus steht, bricht in deutschen Firmen oft helle Panik aus. Denn diese Frau räumt auf, und zwar professionell und rigoros. Das versetzt manchen Mitarbeiter in hektische Betriebsamkeit. „Auweia, jetzt kommt dieses Weib mit ihrer Ordnung - da räum' ich lieber vorher schon mal auf.“

          Doch wenn die resolute Sechzigjährige - Kostüm, Brosche, fester Schritt - dann tatsächlich im Büro eines „Volltischlers“ steht, durchschaut sie diese Masche schnell. „Finden Sie in Ihren Stapeln noch etwas? Bitte öffnen sie auch noch die Schublade“, fordert sie charmant, aber doch unabweisbar.

          Unordnung kostet Zeit

          Sie lebt vom Chaos anderer Menschen, und zwar seit elf Jahren und nicht schlecht. Ihr System „A-P-Dok“, ein systematischer Dreisatz zur Bewältigung von Papierfluten, ist zum Leidwesen von Chaoten auf jede Branche, jede Unternehmensgröße übertragbar.

          Besser: Hier fließt die Energie
          Besser: Hier fließt die Energie : Bild: Woikowski GmbH

          Wer sie ruft, hat erkannt, daß Unordnung von Mitarbeitern nicht nur Zeit, sondern auch Geld kostet. Kollegen, die täglich Zeit mit Suchen vergeuden, sind für bessere Tätigkeiten blockiert. So gesehen, rechnet Stork munter vor, sind ihre Honorare zwischen insgesamt 500 Euro (Handwerksbetrieb) und 3000 Euro (Konzern) vernünftig.

          Ordnung: Streitpunkt in Beziehungen

          Bekanntlich ist das Thema aber nicht nur im Beruf, sondern auch im privaten Umfeld gefürchtet. Etwa vor Umzügen. Ein Beispiel aus der Beziehungskiste gefällig? Sie: „Jetzt mistest du aber bitte den Keller aus. Kommt nicht in Frage, daß wir in der neuen Wohnung mit all dem Krempel wieder anfangen.“ Er: „Gar kein Problem, du. Das mach' ich dir an einem Nachmittag, und du wirst staunen.“

          Drei Wochen später. Sie: „Was ist jetzt mit dem Ausmisten? Ist ja noch alles da - Bücherkisten, vier Schuhkartons mit Uralt-Disketten, unbenutzte Inline-Skater, die blinden Gläser aus deiner Studentenbude, und die Klamotten in dem Plastikschrank sind dir doch längst zu eng . . .“ Er: „Wahas, meine schönen Lederhosen?“

          Typisch deutsch und verklemmt

          Es ist noch gar nicht lange her, da stand Ordnung für Enge, Zwang und festgelegte Lebensplanung. Sie gehörte neben Pünktlichkeit und Gehorsam zu jenen Sekundärtugenden, die als typisch deutsch, also lustfeindlich, verklemmt und sehr, sehr unangenehm galten. Schlimmer noch: Sie standen im Verdacht, dem Nationalsozialismus den Boden bereitet zu haben.

          Hegte die Psychoanalyse nicht von jeher den Verdacht, daß ordentliche Menschen ihre Analphase nicht ungestört absolviert haben, wahrscheinlich mit anderthalb Jahren schon „sauber“ waren - einschließlich aller neurotischen Verwicklungen, die das mit sich brachte?

          Konsequent betrieb daher die Generation der Achtundsechziger Unordnung als Programm, um herkömmliche Lebensformen endgültig hinter sich zu lassen. Das Postulat ihrer Kindheit „Räum endlich dein Zimmer auf!“ fand sein Protest-Echo in versifften Wohnküchen, Klamottenhügeln, eingekrümelten Flokati-Teppichen und überquellenden Bücherborden; allesamt Nachweise dafür, wie erfolgreich jegliche bürgerliche Ästhetik überwunden worden war.

          Wundersames Comeback

          Gern schockte denn auch „Bild“, das Zentralorgan der deutschen Schrankwand, die Leser mit unterbelichteten Fotos jener Matratzengruften der Kommunen I bis IV, die das Gegenteil eines anständigen Wohnzimmers darstellten.

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