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Intersexualität : Das empfundene Geschlecht

Künftig gibt es ein drittes Geschlecht im Geburtenregister. Bild: dpa

In Deutschland leben etwa 100.000 Intersexuelle. Wer sich beiden Geschlechtern zugehörig fühlt, fällt aus der traditionellen Zuordnung. Das Bundesverfassungsgericht gibt nun den dritten Geschlechtseintrag vor.

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          Halb Frau, halb Mann, das war Hermaphroditos bei Ovid. In Anlehnung an die Zwittergestalt aus der griechischen Mythologie kennt die Forschung bis heute den Hermaphroditismus. Darunter versteht man das Vorhandensein von Eierstock- und Hodengewebe. Intersexualität bezeichnet aber viele Ausprägungen biologischer Besonderheiten, der Hermaphroditismus verus ist die seltenste Form. Intersexuelle sind vielmehr Menschen, „deren äußeres geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an, hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen und der Hormonproduktion nicht nur männlich oder nur weiblich erscheinen, sondern scheinbar eine Mischung aus beidem darstellt“, wie der Bundesverband Intersexuelle Menschen mitteilt.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Betroffenen wurden in der Medizin lange als krank angesehen, die verschiedenen Formen der Intersexualität als „Syndrome“ gekennzeichnet. Zu diesen gehört zum Beispiel, dass sich kein männliches äußeres Glied entwickelt; die Hoden liegen im Körperinneren. Für Eltern ist der Umgang mit einem intersexuellen Kind häufig belastend – vermeintlich haben sie kein richtiges Mädchen, keinen richtigen Jungen. Die Folge: Schon im Säuglingsalter werden Kinder chirurgischen und verstümmelnden Eingriffen und hormonellen Behandlungen unterzogen, für die häufig keine medizinische Notwendigkeit besteht. „Die weit überwiegende Mehrzahl der intersexuellen Menschen sind per se nicht krank und nicht behandlungsbedürftig“, hebt der Bundesverband Intersexuelle Menschen hervor.

          In Deutschland leben vermutlich etwas 100 000 Menschen, die mit unterschiedlichen Geschlechtermerkmalen ausgestattet sind. Damit entziehen sie sich einer traditionellen Geschlechtszuordnung. Während sich viele von ihnen klar als Mann oder als Frau fühlen, lehnen andere eine solche Zuordnung ab oder empfinden sich als einem dritten Geschlecht zugehörig. Für diese Menschen habe bisher nur die Möglichkeit bestanden, ihren Geschlechtseintrag vollständig streichen zu lassen, mit unabsehbaren rechtlichen Folgen für Partnerschaft und Familie, heißt es von Seiten des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) in Berlin. Er begrüßt daher die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, „dass die Regelungen des Personenstandsrechts nicht mit den Anforderungen des Grundgesetzes vereinbar sind, soweit sie neben den Einträgen ,männlich‘ und ,weiblich‘ keine dritte positive Option zulassen“. Das Konzept eines dritten Geschlechts bedeute dabei nicht, überhaupt kein Geschlecht zu haben, so der LSVD in seiner Stellungnahme.

          Der Gesetzgeber dürfe nun aber nicht bei der Mindestvorgabe des Bundesverfassungsgerichts haltmachen, den dritten Geschlechtseintrag nur Personen mit biologischen Varianten der Geschlechtsentwicklung zu eröffnen. „Maßgeblich ist das empfundene Geschlecht“, stellt der LSVD fest. In diesem Sinne waren auch schon die Empfehlungen des Deutschen Ethikrates zur Intersexualität ausgefallen, die dem Deutschen Bundestag 2012 vorgelegt wurden. Darin heißt es, intersexuelle Menschen müssten als Teil gesellschaftlicher Vielfalt Respekt und Unterstützung der Gesellschaft erfahren. „Zudem müssen sie vor medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung in der Gesellschaft geschützt werden.“

          Den Begriff Intersexualität empfinden die Betroffenen nach Angaben ihres Bundesverbands als „nicht glücklich“. Die begriffliche Nähe zur Transsexualität empfänden viele als störend. Da sich der Begriff aber zur Bezeichnung des Phänomens international durchgesetzt habe, werde die Sprachregelung inzwischen akzeptiert.

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