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Zwischen den Fronten

Von DAVID KLAUBERT und ANDRÉ VIEIRA
Trauer

Denize de Moraes da Silva

Denize de Moraes da Silva, 51, Selbständige

Complexo do Alemão

Friedenspolizei

Vor sechs Jahren marschierten Polizei und Armee in den „Complexo do Alemão“ ein. Der liegt im Norden von Rio und ist eine Ansammlung mehrerer Favelas mit insgesamt gut 60.000 Einwohnern. Denize ist hier aufgewachsen und führt eine Agentur, die Kleinkredite vermittelt. Mit Panzern, Hubschraubern und anderem Kriegsgerät gelang es den Sicherheitskräften, das „Comando Vermelho“ zu vertreiben, die größte Drogenbande der Stadt. Anschließend wurden vier Polizeistationen errichtet – für die sogenannte „Befriedungspolizei“. Die sollte mit ihrer Präsenz und ihren Patrouillen die Drogenbanden fernhalten. Und die Gewalt eindämmen.
Caio

Schüsse

Im Krankenhaus

Ermittlungen

Noch am Tag von Caios Tod beginnt Denize nachzuforschen, was passiert war. Sie spricht mit Caios Freunden, sucht Zeugen, überredet sie, bei der Kriminalpolizei auszusagen. Und so findet sie heraus: An besagtem Tag hatte im „Complexo“ eine Demonstration stattgefunden. Es gab Rangeleien, die Polizei setzte Tränengasgranaten ein. Caio und ein Freund rannten davon, weiter rein in die Favela. Dort hatten sich mehrere Polizisten in einer Bäckerei verschanzt. Einer schoss dem zwanzig Jahre alten Caio in den Rücken.
Henker

Krieg

Die Hoffnung der Bewohner auf Frieden im „Complexo“ hat sich längst zerschlagen. Im vergangenen Jahr zählten sie an mehr als 100 Tagen Schießereien. Inzwischen geraten sie fast jeden Tag zwischen die Fronten. Zwölf Bewohner wurden seit Beginn des Jahres getötet, Dutzende durch Kugeln verletzt. Die Schulkinder im „Complexo“ müssen immer wieder unter die Tische kriechen, um nicht von Querschlägern getroffen zu werden. Falls der Unterricht nicht ganz ausfällt. Mit schuld an der Eskalation der Gewalt ist auch das rücksichtslose Vorgehen der Polizei. In Rio hat sie im vergangenen Jahr 645 Menschen getötet.
Kampf um Gerechtigkeit

Saudades

„Saudades Caio“ – „Wir vermissen Caio“, haben seine Freunde überall im „Complexo“ an Wände gesprüht. Der Polizist ist wegen Totschlags angeklagt. Als er Caio erschoss, war er gerade einmal seit 40 Tagen im Dienst. Zuvor hatte er eine siebenmonatige Ausbildung absolviert. Vor Gericht sagte er aus, Schüsse von Drogendealern erwidert zu haben. Zeugen widersprachen dem. Das Urteil steht noch immer aus. Er arbeitet jetzt im Innendienst.
Geschichten aus Rio

Geschichten aus Rio

Teil 1 – Gewalt
Alltag Angst

Teil 2 – Hoffnung
Miguels Traum

Teil 3 – Schönheit
Kult um den Körper

Teil 4 – Musik
Die Magie des Samba

Teil 5 – Gewalt
Zwischen den Fronten

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 05.08.2016 13:50 Uhr