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Geschichte der Beschneidung : „Kein Kind ist je daran gestorben“

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Das älteste Dokument: Szene einer Beschneidung ägyptischer Männer auf dem über 4200 Jahre alten „Grab des Doktors“ in Sakkara. Bild: akg

Die Beschneidung ist Jahrtausende alt. Milliarden Männer haben sie erduldet. Aber über ihre Geschichte weiß man bis heute fast nichts.

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          Über die männliche Beschneidung zu diskutieren fällt derzeit offensichtlich nicht schwer - zumindest mangelt es nicht an Beiträgen. Sich über ihre Geschichte zu informieren ist allerdings fast unmöglich. So einfach der Widerspruch zwischen den Rechten auf freie Religionsausübung und körperliche Unversehrtheit heute zu verstehen ist - so unverständlich ist es, wie es zu diesem Ritual gekommen ist. Faszinierend ist besonders der Widerspruch zwischen der Rigidität, mit der in den menschlichen Körper eingegriffen wird, und der Sensibilität für dessen Verletzlichkeit: Im Judentum folgt die Beschneidung einem so wichtigen Gebot, dass es selbst die Arbeitsverbote zum Sabbath oder am höchsten Feier- und Fastentag Jom Kippur aufhebt: Am achten Tag müssen die Jungen beschnitten werden. Ist der Säugling allerdings geschwächt oder gar krank, muss gewartet werden, bis er genesen ist. Nur gesunde Körper werden verletzt.

          Dieses Paradox verweist auf eine gemeinsame Geschichte der religiösen Traditionen und des medizinischen Wissens, doch die wurde nie aufgeschrieben. Informieren kann man sich nur über die eine oder die andere Geschichte. Im Museum und Archiv der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Düsseldorf wird die Medizingeschichte präsentiert, in den jüdischen Museen die mythische Geschichte des Rituals - wie sich beide gegenseitig beeinflussten, lässt sich aber nicht in Museen begutachten und auch kaum in Bibliotheken nachlesen.

          Selbst der Sprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen, Wolfgang Bühmann, verweist bei historischen Fragen nur auf die knappen Aussagen in Wikipedia. Auch Friedrich Moll, dem Kurator des Museums und Archivs der Urologie, fallen Antworten auf medizinhistorische Fragen schwer. Er ist sich zwar recht sicher, dass kein Kind an einer Beschneidung gestorben ist. Es gebe allerdings „keine großen Übersichtswerke zu dem Thema“.

          Auch die Studien der Ethnologen oder Kulturanthropologen, die sich des Themas Beschneidung annahmen, klärten kaum über dessen Geschichte auf. Sie seien stattdessen stets Ausdruck des Zeitgeists zur Zeit ihrer Entstehung, sagt Moll. Es habe immer Vorbehalte gegen die Beschneidung gegeben, sei es im Mittelalter während der Judenverfolgung oder - in der neueren Geschichte - durch die Anti-Masturbationsbewegung oder die Menschenrechtsbewegung. Selbst aktuelle Studien, die aussagten, dass Beschneidungen hilfreich bei der Bekämpfung von Krankheiten wie Aids seien oder der Hygiene dienten, solle man lieber nicht vertrauen. Im Grunde könne man die historischen Arbeiten zum Thema Beschneidung, so sagt Moll, „komplett wegwerfen“.

          Der Ursprung des Rituals ist nicht mehr aufzuklären

          So ist die Beschneidung, eines der ältesten Phänomene der Kulturgeschichte, das Milliarden Männer betraf und betrifft, zugleich ein unbekanntes. Das älteste überlieferte Bild einer männlichen Beschneidung ist 4300 Jahre alt. Es stammt vom Sarg von Ankh-ma-hor aus Ägypten zur Zeit des Alten Reichs und ist rund ein Jahrhundert jünger als die Pyramiden in Gizeh. Der britische Mediziner G. Lowell Webb vermutete 1920 im „British Medical Journal“, dass die Beschneidung in Afrika nach dem Pyramiden-Zeitalter gerade eine Renaissance erfuhr, der Brauch sei also sogar noch älter. Schon 1902 hatte Edward Albert Schäfer von der Universität Edinburgh im selben Journal befunden, dass die Ursprünge des Rituals nicht mehr aufzuklären seien.

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