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Tabaklobbyist : Das Recht, nicht vernünftig zu sein

Rauchen mit Genuss: Geschäftsführer des Zigarettenverbands Jan Mücke liebt seinen Job. Bild: Andreas Pein

Jan Mücke kämpft als Lobbyist für etwas, das gefährlich und in der Gesellschaft zusehends verpönt ist: für das Rauchen. Was treibt ihn an?

          Haben die sich verlaufen? Touristengruppen begegnet man alle paar Meter in Berlins Mitte, diese hier aber verhält sich ungewöhnlich. Ein bunt gemischter Haufen, graubärtige Herren ebenso darunter wie junge Frauen, hat sich auf dem Boulevard Unter den Linden um die beiden Guides versammelt. Gegenüber ist die Komische Oper, neben der die Russische Botschaft, doch keiner späht zur anderen Straßenseite; stattdessen starrt die Gruppe einen unspektakulären Hauseingang an und lauscht den Führern, die gerade von einem Unternehmen namens Eutop erzählen, spezialisiert auf Interessenvertretung innerhalb der EU.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Willkommen bei der lobbykritischen Stadtführung des Vereins Lobbycontrol, die den Teilnehmern vor Augen führen soll, dass ganz Berlin oder jedenfalls dessen Mitte von umtriebigen Lobbyisten unterwandert ist. In der Hauptstadt kommt für so eine Führung genug kritische Öffentlichkeit zusammen, gut vierzig Leute nehmen sich an diesem sonnigen Nachmittag dafür Zeit. Nach dem Vortrag der Guides zieht die Gruppe weiter zum Pariser Platz, aber nicht, um das Brandenburger Tor zu bewundern, sondern um sich erzählen zu lassen, welche Verbände dort ihren Sitz haben. Für seine Stadtführungen bietet Lobbycontrol auch Geschenkgutscheine an.

          Zwei Häuser weiter, im ersten Stock, zündet sich Jan Mücke eine Zigarette an. Er müsste das nicht tun, er raucht nur unregelmäßig, doch er tut es für den Fotografen dieser Zeitung, und er tut es gern. Ein militanter Nichtraucher wäre für den Job als Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbands (DZV) auch eine Fehlbesetzung. Dass man sich trotz der hellen, modernen Büros beim DZV ein bisschen so fühlt, als begebe man sich auf eine Zeitreise in die alte Bundesrepublik, liegt an den Aschenbechern, die in den Büros und im Konferenzraum großzügig verteilt sind. Wer nicht im eigenen Büro oder auf dem Bürgersteig rauchen möchte – Balkone gibt es nicht –, der kann eine Raucherkabine aufsuchen. Wer gar nicht rauchen mag, der muss es auch nicht, und Jan Mücke sieht sich auch nicht gezwungen, seine Gunst öffentlich auf die Erzeugnisse der fünf Unternehmen, die er vertritt, zu verteilen. Er raucht meist Dunhill Menthol.

          „Ich halte die Bilder für eine Zumutung“

          Auch die Vitrinen im Korridor mit Hunderten bunter Zigarettenschachteln haben etwas Museales. Spätestens in einem Jahr wird es das, was hier präsentiert wird, so nicht mehr geben. Nachdem vor einem Monat der Europäische Gerichtshof die Gültigkeit der EU-Tabakproduktrichtlinie bestätigt hat, müssen neuproduzierte Packungen – die alten dürfen noch ein Jahr im Handel bleiben – neben den bekannten Warnhinweisen sogenannte Schockbilder tragen. Diese zeigen dann offene Hälse, Raucherbeine, verwitterte Zähne, Babys auf der Intensivstation („Rauchen kann Ihr ungeborenes Kind töten“) oder einen von Frau und Kind beweinten Mann im offenen Sarg („Das Rauchen aufgeben – für Ihre Lieben weiterleben“). „Ich halte die Bilder für eine Zumutung“, sagt Mücke, dessen Verband sich den Leitspruch „Genuss braucht Verantwortung“ gegeben hat. Er bezweifle, dass es bei jenen, die sie ausgewählt haben, „ein ästhetisches Empfinden gibt“. Ästhetik freilich dürfte dabei die geringste Rolle gespielt haben.

          Die mal abstoßenden, mal absurden Bilder sind der vorerst letzte Schritt der Politik, um der Bevölkerung das Genussmittel Tabak ungenießbar zu machen; man wolle den Leuten, versprach Bundesernährungsminister Christian Schmidt im Februar, den Griff zur Zigarette „vergällen“. Werbung für Zigaretten ist in Fernsehen und Radio seit 1975 verboten, in Zeitungen, Zeitschriften und Internet seit 2007. Bis zum 1. Juli 2020 wird die Tabakreklame auch von Plakatwänden und aus dem Kino verschwinden. Zigaretten mit charakteristischen Aromen wie Vanille, aber auch Mückes Mentholzigaretten müssen im Mai 2020 vom Markt genommen werden. Bei alledem hält sich das Mitleid mit den Rauchern in Grenzen, selbst wenn sie im Winter fröstelnd im Freien paffen. Der Tabak, so scheint es, hat hierzulande keine Lobby mehr.

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